STADTSCHREIBERin-BLOG

 

 

15. Mai – 15. Juni  2017,  WINDSBACH – Versuch, ANDERSWO zu sein und ANDERES zu schreiben. Versuch, einen Ort in einen fast fertigen Roman hineinzuschreiben (Geht das? oder ändert das alles?)  Sich ein Bild von einer Stadt machen. Das fing 2016 an, als ich auf der Durchreise war und an alten Namen hängen blieb, die plötzlich auf der Landkarte auftauchten. Augenblicklich schreibe ich erst einmal Tagebuch. Ohne den Anspruch auf Wahrheit, Korrektheit und Allgemeingültigkeit. Aber mit dem absoluten Anspruch,  authentisch und persönlich zu schreiben. Alles weitere später einmal. (Kann Spuren von Rechschreibfehlern enthalten)  

19. August

Die Blicke aus dem Rathaus  sind schon länger her, der eine sowieso, er entstammt dem Familienalbum der Rühls, den anderen durfte ich tun im Juni als ich versuchte das alte Bild nachzustellen und den Blickwinkel schließlich am Fenster eines Rathauszimmers fand (die Frau, die dort arbeite, öffnete es für mich).

2. August

aufgewacht aus Träumen, mit dem Wort “Hubba Bubba” auf den Lippen, das ich aber im Schlaf für das fränkische Wort für “bin total begeistert! Augen gehen mir über!” hielt. Das richtige lag mir auf der Zunge, ich kam aber nicht drauf. Der Traum war meines Erachtens schön gewesen. Das meiste  habe ichvergessen, aber die Geburtstagsfloß-Fahrt, kam irgendwie drin vor. Die war aber nicht wie vorgestern auf dem Müggelsee gewesen, sondern die Rezat entlang (sehr langsam, da gegen den Strom, dafür allerdings war es wiederum schnell. In Zeitlupe flogen Versatzstück vorbei, passende, unpassende, das Stadtcafe auf alle Fälle, auch die venetia Eisdiele, aber da weiß ich dass sie anders aussah, Venediger. mit Gondelanlegeplatz. Als ich aussteigen wollte, klebte mein Fuß an einem Kaugummi fest, den jemand auf das Floß gespuckt hatte. Angekommen mit gutem und Freund an meiner Seite. “Hubba BUbba!” “Himba Hamba”. was auch immer.

29. Jul

Morgen wäre dann das Konzert, für das der Männergesangsverein geprobt hat. 30. Juli abends um Acht im Atriumhof der Spelterhäuse. Klingt sehr schön. Hoffentlich ist schönes Wetter. Serenade am Abend. Spelterhäuser, Was sind denn nun wieder die “Spelterhäuser”?  Das sagt die Ankündihung im Internet nicht, aber sie sagt und das finde ich ausgesproche nett: “Eintrittskarten sind erhältlich bei jedem Sänger” (so wie in der Raiffeisenbank und an der Abendkasse).

Und ich sitz wieder im Flixbus. Besuch in München bei Eltern endete mit  1stündigem Flohmarktgang  und dreiviertelstündiger Autosuche auf dem Riemer Flohmarkt-Parkplatz. Sah bereits Auto inclusive Gepäck gestohlen und für immer verloren. Flixbus gerade noch erwischt. Angenehme Fahrt Richtung Berlin. Der HImmel nach so viel Regen endlich blau mit WOlken, wie ich sie noch nie gesehen habe, Die in der Ferne sind weich und zart, zerfließe in der Unschärfe, andere – sehr nah – sehen aus wie und glatt gelutsche Eisbonbons, scharf und surreal. Paintbrush-Art mit seltsamer Farbgebung, Der ganze Himmel wirkt hell und licht, aber die nahen (wahrscheinlich computer-generierten) Wolken sind mal bleiern, mal blaustichig. Benutzt der HImmel neue Computerprogramme? EIn neues Photoshop-Upgrade? – Ich weiß, ich das war nicht das was er sagte, aber seit Gespräch damals mit Schlicker, glaube ich mehr denn je dass Gott uns in milliarden-millionenfache Varianten eines Computerspiels herumlaufen läßt, je nach EInstellungen mit mehr oder weniger hohen Freiheitsgraden. (Jedenfalls, wenn man vom evangelisch-deterministischen Weltbild ausgeht. Vielleicht hätteich auch nochmal mit dem katholischen Pfarrer sprechen sollen. Sah ihn bei der Gesangsvereinprobe, aber da war ja kaum Zeit). Man rennt in eigener Mission und wird dennoch bespielt, animiert, beseelt, wie man will, zuweilen erleuchtet, zuweilen friert das Programm ein, stürzt ab, wird reloaded. Manchmal hat man diese Deja Vu-Momente – vielleicht weil man den Run bereits einmal hinter sich hatte, in einer anderen Version, oder einem anderen Durchlauf. in einer anderen Paralellwelt. Die Summe aller Parallelwelten… das wäre dann vielleicht dieser Gott?  Im Übrigen meine ich das nicht nicht negativ. Es ist eigentlich (vor allem wenn man auf der Sache mit dem Freiheitsgrad besteht) eine ganz schöne Vorstellung. Der Garten Eden… das wäre vielleicht dann die Demo-Version gewesen. da passiert nicht wirklich etwas.  – Noch drei 1/2 Stunden bis Berlin…

Borstig-Struppige Hafer-Felder, zerwühlt vom Wetter oder dem gigantischen Hintern eines Riesen un dseiner Geliebten.  Zu spät geerntet. Vorbeigeflogen. Jetzt sind auch hekömmliche Schafe unter den Wolken.

Immer wenn ich von Windsbach wegfahrem ist es als bekäme ich einen Faden in die Hand gesponnen – einen roten kann ich ihn nicht nennen – der zu dem Jungen von damals führt. Und immer ist es am letzten Tag. dann sitzt man wieder im Bus nach Berlin und denkt wieder Ringelnatzgedichte “…Vorbei, verjährt, doch nimmer vergessen / ich reise / alles was lange währt ist leise…”

Nur noch 2 STunden bis B.  Der Freund holt einen ab, wenn man das will. Natürlich will man abgeholt werden. Man will auch morgen auf ein Floß mit ihm. man will aber auch niemand warten lassen am ZOB.  Mal sehen. Ankommen. Weitersehen. Und hoffentlich irgendwann wieder zurück nach Windsbach.

25. Juli

Gestern noch später am Abend dem Gefühl, alles zu verpassen, ein letztes Post scriptum entgegengesetzt:

Dorschner offen – Essen gut – Bierdeckel rund! Und zu aller guter letzt den damals verpassten Besuch der Männergesangsvereins-Probe noch nachgeholt.

Das grau-rosa E-Werk zwischen alten Scheunen, unterhalb des Halters und irgendwo vis a vis der Frau Farina ist so groß, dass ich mir immer gedacht hab, da hätte auch eine Bühne darin Platz, das Haus wär auch Aufführungsort. Besser noch, es ist ein ebenerdiger Saal – mit Biertresen! Irritierte Blicke. Schon gerät man geniert in Erklärungsnot: eingeladen hätt man uns, ob’s denn okay sei, wenn man zuhörte… die genierte Frage schreit nach Machogehabe „ja, wenn ihr uns bedient, biermäßig….!“ Na ja, ist halt ein Männerverein Wir waren ein paar Minuten zu spät, aber von den Männern waren es auch einige. Schon toll, da strömen die unterschiedlichsten Typen, alt, jung, in den besten Jahren, sitzen im Halbkreis auf Stühlen, links daneben der Tresen, singen sich ein, vorne laufen die Fäden zusammen beim Max, der plötzlich eine erwachsene Brille aufhat und viel älter wirkt und die Leut zusammenstaucht mit hinreißender Grazie, mitreißt, stöhnt, wenn die „Freuuude“ durchhängt und nicht strahlt wie die „Froo-ii-de“ nunmal strahlen muss. Schöner Götter Funken – und Halb-Götter in Jeans – und der katholische Pfarrer ist auch da, und der Fußball-Trainer, und der Mann der damals bei der Stadtfest-Rathaus-Besprechung „Fruchtsaft ist Fruchtsaft“ entschied. Die stehen vor uns und singen eben genauso wie ein Männergesangsverein singt. Flotte Sprüche zwischendurch, Maßregelungen. Zarte Stimmgewalt. Und daneben zapft seelenruhig eine schöne Dame in rot-flatterndem Gewand und kerzengrader Haltung Bier, das sie schon mal rüberreicht, griffbereit. Zuständig, anständig. Toll! Heute fließt alles. Der Honig in Strömen bei Rühls, die Tränen auf dem Friedhof, das goldene Bier in die Männerkehlen, die Töne wieder daraus. Verpassen werde ich den Auftritt demnächst. Sehr schade. Aber es ist halt wie’s is. Wenn man ständig as Gefühl, was zu verpassen, heißt es doch, dass das nicht stimmt mit dem „begrabenen Hund“ und dem „hinten-dran“. Schöner Abend, schöne Musik. Männerstimmen jenseits der Zeit. Nina findet, die könnten ruhig auch mal zwischendurch was Modernes singen oder was von Elvis oder so und nicht nuuuuuur über die Natur, also das alte Kulturgut. Ja, könnte witzig sein. Aber irgendwie ist es auch schön so wie es ist. Es könnt vor Hundert Jahren ähnlich geklungen haben.

24. 7. abends

Bei dem „fremden Land“ , in dem die Lehrerin zum Schimpfen ausgebildet worden war, soll es sich um die DDR gehandelt haben.

Der Garten der Frau Süss, hat keinen Kirschbaum. Nur Gebüsch. Ein poetischer Irrtum. Ich finde, jemand der Süss heißt, sollte einen Kirschbaum im Garten haben.

„In Windsbach is der Hund begraben“, agte der frühere Dirigent des Knabenchors, Karl-Friedrich Beringer einmal in einem Fernseh-Interview in den 80er Jahren.

„In Windsbach ist der Wurm drin“, sagt der Bommel.

Vielleicht ist ja der Wurm in dem Hund drin, der in Windsbach begraben ist.

Wo mag er begraben sein? (und gibt es nur einen? Einen einzigen Hund? Den Hund…)

Und seltsamerweise kommt man dauernd ins Gespräch auf dem Friedhof. Vielleicht weil man dünnhäutiger ist, vielleicht, weil es ruhiger ist um einen herum. Die Frau mit den weißen Locken hatte einen Strauß mit gelben Blumen in der Hand, darin ein Zweig lila Schmetterlingsflieder. Sie wolle nicht stören, aber ob ich von Windsbach sei oder neu hier. Die Frage rutschte ihr so raus, als sie an meiner Bank vorbeiging und traf mich in meinem Augenblick in dem ich eigentlich mit etwas wundgescheuerter Seele rumsaß: Mein letzter Tag in der Stadt, zu der ich nicht wirklich gehöre, in die man eben mal eintauchen durfte, wie für ein paar Bahnen ins Waldstrandbad, Um mich all das pralle Leben, die schwirrenden Bienen, das goldgelbe Lebenselixier. Wurzeln schlagen aber darf halt nicht sein. Augen zu und weg.

Hab nicht stören gewollt. Und wollt nicht gestört werden. Und da steht die Frau mit dem Blumenstrauß und ich bin so dermaßen froh, dass mich jemand aus meinem Selbstmitleid holt, dass ich mich sagen hör: „Wollen Sie sich denn setzen?“

Das habe sie eigentlich nicht vorgehabt, sagt die Frau, aber setzt sich dann doch. Ich schlag das Heft, in das ich immer kritzel, zu. Es stellt sich heraus, so was ist ihr vertraut: Notizen macht sie sich selbst auch dauernd. Wann sie Migräne hat, wie viel Tabletten sie jeweils nimmt… auch anderes. Vielleicht schreibt sie gegen das Vergessen an?

Einer hat mal zu ihr gesagt „So a Gschmarre! Wer soll denn des lesen?“

Sie sagte: „Des is doch mir wurscht, ich schreib trotzdem!“ Großartige Antwort. Könnte das Motto dieses Blogs sein. Und deshalb weiß man auch nicht wo anfangen und wo aufhören zu notieren. Zum Beispiel, dass sie, die Frau Farina, grad mehrere Packen Ripple weitergereicht bekommen hatte von ihrem Nachbarn, dem Ernst (ob ich den kenn – so einen Bart hätt der… – und so absurd die Frage auch eigentlich ist, ich frag mich tatsächlich, ob ich diesen Ernst eventuell mal beim Stadtfest kennen gelernt haben mag? Ein rotgebräunter Mann, ja durchaus mit „so einem Bart“, ich erinnere mich daran, dass er von Tieren erzählt hatte, die er hielt und an einen guten Handschlag zum Abschied) Ja, durchaus Rippchen-Typ.

Die Rippla waren vom Halter, sagt sie.

Dass der jetzt Urlaub hat, sag ich.

Das erschüttert sie jetzt. Sie kauft ihre Wurst immer beim Halter, der ist ja gleich bei ihr um die Eck. Sie scheint regelrecht betrübt. Es schwingt die Angst mit, dass er vielleicht doch ganz zumacht – weil so viel zugemacht hat in der letzten Zeit! Ich frag sie, welchen Laden sie am meisten vermisst. Es ist der Schlecker. Der war wohl mal da, wo der NKD jetzt ist. Da hätte es alles gegeben, was sie braucht. (außer der Wurst, nehm ich mal an). Immerhin ist der verlorene Schlecker kein Windsbach-spezifisches Problem. Ich hatte auch mal einen bei mir gegenüber. Den vermisse ich auch.

Und der Halter… – wie lang der denn nun Urlaub mache, fragt sie. Das hatte ich mir aber nicht gemerkt, nur gelesen, dass er ab heut Urlaub macht. Ich frage mich, ob jener Ernst die Rippchen weggegeben hätte, wenn er gewußt hätte, dass der Halter jetzt Urlaub hat.

Eventuell mache er auch gar keinen Urlaub, mutmaßt die Frau, sondern renoviere nur, baue um. Und im Herbst mache er wieder auf.

„Erst im Herbst???“ – Und ich dachte, im Herbst mache er ganz zu. Aber das sag ich nicht. Was weiß denn ich?! Trotzdem sagt sie jetzt ganz leise, als hätte sie mich denken gehört, „Wenn der zu hat…! Dann wird’s schlimm!“

Allerdings kommt jetzt heraus, dass das Problem eines zuen Halter nicht nur Versorungstechnischer Natur sind, sondern auch damit zu tun hat, dass dann „die Leut, die da immer sitzen“, ihr Bier unten beim E-werk trinken, da wo der Gesangsverein ist. Das ist auch da, wo sie wohnt und das ist dann schon manchmal auch laut. Verstehe. Freue mich aber, dass die durchaus positiv spricht von den Leuten. Das seien alles ganz nette Männer. Nur halt manchmal laut. Sie ruft aber dann (in aller Freundschaft rüber „jetzt gebts halt a mal a Ruh!“.

Wir schweigen ein paar Momente lang. Eine Amsel fliegt über die Grabsteine hinweg, auf einem steht „Einfalt“, landet auf einem recht neuen Grab, das noch ein Holzkreuz hat. We—er, Georg steht drauf. Die Buchstaben zwischen „e“ und „e“ verdecken die Blumen, die so üppig darauf sind neben den zartgrünen Tujen, dass es die reinste Freude wär, wärs nicht ein trauriger Grund. Ruh ist.

Ob ich für eine Zeitung schreib, will die Frau jetzt wissen. „Nein…. Naja, manchmal schon, aber grad nicht.“ Eigentlich mach ich das Selbe wie sie. Notieren. Aber immer noch kann ich nicht anders und sag „Ich war doch jetzt einen Monat lang Stadtschreiberin in Windsbach. Ich schreib eine Art öffentliches Tagebuch, über das was ich so seh in Windsbach…“

„Ach Gott…!“ seufzt sie. „Windsbach… – Windsbach is hinten dru!“

Aha, wieder eine neue Beschreibung, die wohl besagen soll, dass hier nix los ist.

Dabei hier ist doch viel los. Alle zwei Wochen wird hier irgendwas gefeiert. Und seit das Waldstrandbad wieder offen hat sogar jeden Tag! Am hat der Männergesangsverein einen Auftritt , man kommt mit Leuten ins Gespräch auf Friedhöfen über Rippchenaustausch, den Urlaub des Halter – so was gibt’s in Berlin nicht. Und zuweilen singt der Knabenchor.

Da leuchten ihre Augen. Es kommt raus, dass sie früher im Internat die Knaben betreut hat. Sie hatte sich beworben, man hatte ihr geraten, das wär was für sie – auch wenn ihre damalige Vorgesetzte, die Rammensee, möglicherweise „a rechte Bissgurn“ sein würde. Sie war dann im Internat immer wieder angestellt zu verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Funktionen: Essen ausgegeben zum Beispiel. – Muss an den Tag der offenen Tür im Internat denken. Nudeln und Lachs gegessen. Der Duft von gemischtem Essen, der in der Luft lag – immer liegt die Summe aller Gerichte als Dunst in der Luft der Speisesälen der Schulen und hält sich bis hinaus in die Gänge. Das Lärmen, das Besteck-Klappern. An M. gedacht, der hier früher zur Schule ging. Was gabs damals zu essen? Gabs Tränen, weils nicht so schmeckt wie zuhause? Gabs viele Bissgurken? – ich möchte die Frau tausend Dinge fragen. Vielleicht kennt sie den M. ja. Das heißt: vielleicht kannte sie ihn.

Sie erzählt, dass sie neulich erst einen hübschen Jungen mit braunen Locken gefragt hätte „Bist Du a Chorle?“ Genickt habe er. Ein Chorknabe. Sie habe ein Auge dafür.

Braune Locken… – hatte der M. damals auch. Die Frau Farina sagt, als ich den Namen nenn „Jaaaa…“ – … den habe sie gekannt! Un das hier auf dem Friedhof! Herzklopfen. „Echt?“ Aber erzählen tut sie dann anderes. Zum Beispiel, dass 1912 die alte Dina die Jungs vor dem Feuer gerettet hätte. (ich weiß nicht genau, ob der Name der Hausmutter nun „Dina“, wie „Diana“ oder ob die Dame Tina hieß und mit fränkisch-weichem „D“ ausgesprochen wird). Sie erzählt von Kerzenstümpfen („Gab ja noch keine Elektrizität!“), die in die Suppe fielen und sofort schmolzen. Das hat man aber essen können. Und eben vom Feuer. Da habe die Dina ein Rauschen gehört in der Nacht, als sie ins Bett gehen hat wollen, dacht, es wär Wasser – es wurden gerade Wasserleitungen neu gemacht. Es raschelte, rauschte und knackte. Als sie die Tür öffnete, stand schon alles in Flammen, sie rannte zu den Knaben und weckte sie.

Viel hat sie erzählt. Vom Krieg, von der SS, die das Brückla sprengen wollte, aber ihr Vater und ein paar andere hätten es verhindert, indem sie die SS-Leute besoffen gemacht haben, bis die keine Lust mehr hatten das Brückla zu sprengen. Vom ukrainischen Kriegsgefangenen Ivan, der mit 16 Jahren nach Windsbach kam und dem Vater zugeteilt worden war („Sreinbauer, den nimmst Du!“), der gut aufgenommen worden war, vom Steinbauer, ihrem Vater, der sie in der Gefahr auf dem Rücken getragen hat, – und später einmal, längst erwachsen, mit seiner Familie zu Besuch kam. Nur so, auf einmal da, um der Familie Windsbach zu zeigen. Wo er im Krieg gewesen war. Mit sechzehn!   Der Ivan war ihr wichtig, das merkt man.

Ich hätte sie gerne nach Fotos gefragt, aber es war keine Zeit mehr.

Warum ist keine Zeit mehr?

Warum geht alles zu Ende?

Gehe beseelt und guter Dinge in Richtung Rühl. Und essen (letzter Versuch!) zum Dorschner.

 

24. Juli

Sitze vor Helmreich auf den Stufen. Es ist Ruhetag, aber es hat Internet. Die Auslage ist diesmal gänzlich leer. Wo sind die Pralinenschaukästchen hin? Liegt es am Ruhetag? Werden sie morgen gefüllt?Im Haus links daneben sitzen auch zwei (mutmaßliche) Nicht-WIndsbacher mit Handies und nutzen das Ansbacher-Freifunk-Netz. wenn die Glocke des einen Turms schlägt, hört man die des unteren wie ein Echo. die Stadtschreiberin braucht ein Büro! Lieber Bürgermeister…! –

Wobei die Stufen schon auch nicht schlecht sind. eben setzte sich kleines Kind in roter STeppveste daneben, das eigentlich in seinen Buggy gehört hätte, aber an der Hand des Vaters dahinstapfte – um sich dann im Handumdrehen neben mir auf die Stufe fallen zu lassen, um Platz zu greifen. es ist ein begehrtes Büro!

raiffaisenauslage

Die Tage sind voller denn je. Dr heutige ist gefüllt mit tausen und abertausend Bienen. Bienen hinter der Garage der Rühls, Bienen in Plattenbauten, vier von acht Völkern, Rahmen an Rahmen… Was für ein Lebenskonzept!    den  Vormittag verbracht damit, den Rühlschen Bienen Honig zu stehlen  – unter Aufsicht von Ninas Eltern: Der Bienenflüsterer, dessen Seelenruhe jegliche Imkerschutzkleidung ad absurdum führt. Die grande dame, selbst Königinnengleich, neben der ich die Wachsschichten im Akkord abzukratzen versuchte (viel zu langsam, nie so flink wie sie!). daneben rann der Honig in Strömen aus der Schleuder. Er tropft von den HÄnden, er sitzt in der Nase und er klebt in der Aufhangschale, auf der die Waben gesteckt sind, vermengt mit den Wachsschuppen (sehr sinnlichs Handwerk) – Darin auch – süßer Tod! –  einige der mitgefangener Bienen, die man nicht in die Freiheit entlassen darf, weil sie Alarm schlagen würden, den Kolleginnen melden würde, was da vor sich geht hinter den Büros des Textilkaufhauses Rühl. Würden dann alle anderen kommen? empört und voll Wut? – Lerne hier DInge, von denen ich keine Ahnung habe. War jetzt doch froh, den Vortrag beim Imkerfest damals gehört zu haben. steht man wenigstens nicht ganz dumm da.

23. Juli

Die Tage sind voller denn je, weiß gar nicht wo anfangen. Um nicht zu vergessen, werde ich wieder in den Notate-Modus verfallen. Mag es Sinn ergeben oder auch nicht.

Der Laden des Hofmockel steht leer. Schichten von Packpapier verhüllen hauchdünn das Schaufenster.

Max Rüb bestand seine Lehrprüfung mit 96 von 100 Punkten.

“Im Garten einer Frau Süß wächst ein Kirschenbaum….” (vergessen, was mit dem selbigen war)

“Der kleine und der große Ibi wohnen hinter dem Haus der Hexe.” (nur gehört, ich weiß nicht ob es stimmt)

Da solls eine Lehrerin geben, “die hat einen Pickel in der Mitte der Stirn – wie eine Chinesin! Sie wurde in einem fremden Land – man wusste nicht zu sagen, welchem – darin unterrichtet, Kinder zu schimpfen”.

(auch hier weiß ich es nur vom Hörensagen. aber ich glaube, dass es wird Zeit dass es Ferien gibt.)

Vor den Garagentoren des Sargbauers verrät der geöffnete Kombi, dass ein Sarg benötigt wird.

In der Gottesruhkapelle war eine Hochzeit, Tauben flogen, in der Predigt war viel die Rede von “was tun, damit es nicht schief geht” und ein Fotograf blitzte oft. (aber ich bin nur neidisch, weil mein eigener Fotoaparat prompt ohne Akku war).  zauberhaftes weißes Kleid, schönes Paar.  – Nina Rühl sang von der Empore  aus vollem Hals und Herzen und und bekam drei mal Applaus – in der Kirche!   Sehr sehr schöner Tag.

 

22. Juli

Bad am Abend sehr schön. Alte Fotos an den hölzernen Umkleiden. Kann man gucken ob man sich selbst darauf findet als Kind – wenn man als Kind hier badete. lange Bahn hin und zurück. 18 Uhr ist Schluß mit Baden. Den Kindern wird es erklärt, das gleich “echte Musik” gespielt wird im Biergartenbereich. Ratlose Blicke, was das eine mit dem anderen zu tun habe. weil die Band – es sind die Querblexer – live spielt. Und wenn man live spielt braucht man das tobene Leben um sich herum und nicht im (ungekachelten) Wasser! Es dauerte aber dann doch ein bißchen und als “Vorgruppe” zu den Querblexern tönten dann doch erstmal Konserven-Schager aus den Lautsprechern. Berechtigte Irritation von Jonas (Sohn Nummer zwei der Nina) und dann schließlich nach längerem Grübeln die Frage: “Tritt gerade Helene Fischer im Waldstrandbad auf?”

Sollte sie vielleicht. Und sie solte es auch tun wie bei der gestrigen Eröffnung der Knabenchor. in voller Montur ins Wasser hüpfen. (viel besserer Programmpunkt als der Gedanke mit dem Wasserballet). Mut zum Baden gehen.

21. Juli Nachmittags

Endlich das Bad! Schön geworden. Hatte  mir das Wasser immer dunkel vorgestellt, aber es wirkt hell. graugrün? dunkelblau-braun. Weich ist es. – Meinem Freund in Berlin versucht, die Vorzüge des Waldstrandbades zu erläutern am Telefon, was nicht gelang. Für 5 Millionen hätte man es doch wohl auch noch kacheln können, mente er. – Es ist mir nicht gelungen ihm zu verstehen zu geben, dass gerade das das Tolle ist.

21. Juli später in der Früh.

Es fehlt diesmal eine Mission. Ich bin ja jetzt hier zu Besuch und nicht um zu schreiben. Bekam aber folgende: Den Rühl-Sohn von der Volksschule abholen, Jakob, 2. Klasse. Schulschluß 11:15.  Die Zeit, um vormittags noch schnell das neue Waldstrandbad zu sehen, war zu knapp. Will die Mission nicht gefährden. Deshalb zunächst im Stadtcafe Tee getrunken und geschrieben. Der “alte” Earl Grey Tee ginge zur Neige, sagte man, man hätte jetzt einen neuen Sortiment, aber ich bekam dann doch den altbewährten Tee. SOnne brennt und blendet. ich weiß gar nicht wo diese Schule sein soll. kenne ja nur Internat und Bach Gymnasium. Am Ende folgt man wieder Google Maps, wie damals auf der Suche nach der Bücherei und steht vor einem Kindergarten. Schule dann aber viel zu schnell gefunden. Die Allee hinauf und hinab gegangen. Aus der Stadthalle strömen singende Jungs. wahrscheinlich die Knaben. einer summt, einer singt etwas knödelig, andere zücken die Handies, machen Brotzeit, einer glotzt mich an, weil ich auf der Bank sitzt wie bestellt und nicht abgeholt. oder wie Groopie. irgendwann kommt ein Bus und weg sind sie. noch eine halbe Stunde bis Schulschluß. In den Schaukästen auf dem Platz vor der Stadthalle hängen Stadtinformationen. die Bestenliste des Skatvereins. Die freiwillige Feuerwehr sucht Leute. Beeindruckendes Plakat, das drei Feuerwehrleute zeigt die einem unheilvollen Sturm (mit fiesem wolkig-gebaLltem Gesicht) entgegenstarren,  man sieht sie von hinten, der Mittlere stützt beide Arme in die Hüften wirkt etwas entrüstet angesichts dessen, was da bevorsteht, der Rechte sieht aus, als wäre ihm schon etwas mulmig und der Linke weist unnötigerweise und ein bißchen zu demonstrativ daraufhin aus welcher Richtung die Gefahr kommt: Obacht, da ist der Sturm. Die Botschaft lautet: Wenn die Gefahr kommt, sind wir bereit. Komm hilf mit.

Es kommt keine Gefahr. Aber wann kommt der Sohn? Ich war doch bereit?

Ihn in letzter Minute noch gesehen, wie er zur hintertür hinaus lief und vergessen hatte, dass ihn doch der Besuch hatte abholen sollen. Später Venetia-Eisdiele – und durch mehrere Wirtschaften gegangen, da als Hausaufgabe ein Auto aus Karton zu bauen ist und für die Räder Bierdeckel von Nöten sind. Beim Helios gabs nur eckige, in der Venetia-Eisdiele zwar runde, aber abzugeben bereit war man nur eines. Im Stadtcafe gab es genug, leider entpuppten sie sich später als oval. – Warum brauche immer eine Mission?

Angekommen. Den letzten Zug hätte ich nicht mehr erwischt, denn der Bus war natürlich spät. Froh gewesen, nun doch abgeholt zu werden. die Fahrt über Umwegen, damit das Kind auf dem Rücksitz in Schlaf fällt. Es fiel. während immer noch dämmrige Lichtstreifen den Nachhimmel durchwirkten. Einhgefahren über Reuth. Wiedre da. Jedesmal egal von weöcher Richtung man kommt, sind da Banner gespannt, die für ortsansässige Banken werben. Irritation darüber, ob Sparkasse , ob Raiffeisenbank. wechseln die sich dauern ab? sind die verschiedenen Wege jeweils in Händen der einen oder anderen? Gibt es ein rotierendes System, oder gar  einen Kleinkrieg bei dem vielleicht die Mitarbeiter der Sparkasse heimlich die Fahne der Raiffeisenbank (und umgekehrt) stehlen und dann ihre eigene hissen? – Nur Mutmaßungen!!! keine Realität. Aber ich hätte im Mai damals schon (in dem Monat in dem Ähnliches mit dem Schmuck der Maibäume zu passieren pflegt) schwören können an einem Tag unter dem Sparkassenrot hinurch gefahren zu sein, am anderen unter dem Raiffeisen-Blau-Orange. – Unwichtig. Wichtig ist, ich bin da. Wohne bei NIna Rühl und habe es nicht verhindern können, dass deren Jungs mir ihr Hochbett geräumt haben. scheint aber willkommene Gelegenheit zu sein, dass die ganze Familie Bettenlager in Ninas Schlafzimmer hält. Das BIld begleitete mich in den Traum und vermischte sich mit der Schaufenster-Werbung des Rühlschen Ladens. Das Wie-Neu-Gefühl. Besser als das coole Neu-Gefühl-Model gefällt mir aber das Bild von Nina selbst mit dem Kissen in der Hand. Noch-Neuer-Gefühl. Gold-Marie… Maria-Nina. Gestern noch lange gesessen und obwohl in der Dunkelheit nach dem nächstbesten nicht ganz trockenen Holzscheit gegriffen, trotzdem ein Feuer anbekommen fast ohne Papier. Es ist beinahe wie ein Anknüpfen gewesen an den letzten Abend hier. Heute früh auf der Sitzbank gesessen zum Familienfrühstück mit Brötchen aus dem Stadtcafe, Honig von den Bienen des Vaters. Das Wohnzimmner war früher der Nähraum.

ruehlladendamals

wieneugefuehl

20. Juli. Sitze im Flixbus und fahre durch den Regen in Richtung Nürnberg. Schreiben wollen, aber man braucht dazu nicht nur die Finger auf den Tasten, sondern auch Ellenbogenfreiheit. Aber natürlich sitzt man wieder beengt. Anderer Aufbruch als das letztemal. Beziehung mit Freund fühlt sich jetzt so glücklich an, dass es nicht nötig schien, dies zu erwähnen. Es geht voran. müsste auf Hof zugehen. Und prompt geht es doch nicht voran. HIneinrollen in den Stau. LKW-Kolonne voraus regt sich nicht. Im Stehen kann man das Radio plötzlich hörn – Forever young – I want to be forever young… und die Sirenen der Rettungsautos oder Polizei… – Es war schon von vielen Unfällen die Rede. um einen Staz ui vermeiden fuhr der Bus von der Strecke an und bereits in der Kurve stand ein weiteres Auto –  eingedellter Kühler, aus dem ein Poller rauszuwachsen schien. Frustriertes Päärchen saß dennoch darinn und wartete auf die Polizei. morgen übermorgen und den Tag drauf soll das Waldbad immer noch eingeweihz werden. Frage mich, was man da vier Tage lang feiert! Stelle mir Wasserballett vor wie aus 50er Jahre-Hollywoodfilmen, dann Dankesregen, weiteres Wasserballett. Hats geregtnet? Macht es was, wenns im Schwimmbad regnet? Werden die Reden in Badehosen gehalten?

Ich hätte gestern schon fahren sollen, Wird heute nicht offiziell das Waldbad eingeweiht? Wäre gerne dabei gewesen, aber hatte den Geburtstag des Freundes ausklingen lassen wollen, der Tagsüber stattfand (auf Dampfer über Spree und Müggelsee mit Eltern des Freundes und Oma ebenfalls des Freundes – ich hab keine Omas mehr. So jetzt hat der Bus sogar den Motor abgestellt. “Da vorne ist Unfall. Musst Du warten. weiß nicht wie lange, weißt Du!”, sagt er per Mikro. Pole ist er und geht jetzt erstmal raus, eine rauchen. Jetzt wollen natürlich alle raus und rauchen, klar. und das Radioprpgramm wird immer schlechter.

jetzt darf man doch raus. immer drei Personen auf einmal. es war nur die Rede von Rauchern. ungerechte Maßnahme.

19. Juli. Sechs Stunden auf dem Wasser und kein Entkommen. Spree. Müggelsee.

18. Juli.  Das Fesselballon-Fahren ist mir zu ungewiss. Mein Motorrad ist wohl noch unpässlich… aber ich habe gestern abend einen Flixbus gebucht nach Nürnberg (also einen Platz darin…). Windsbach wieder aus der Nähe sehen!!!

15. Juli. Heute seit langem erstmals wieder vom Fliegen geträumt. nicht der bevorzugten Flugart (starke aber dennoch unangestrengt leichte Bewegung der Arme, die einen die Luft zerteilen läßt,  man schießt durch Wolken empor, kann sich fallen lassen, rudert weider ein wenig und wird wieder in die Höhe katapultiert). diesmal flog ich in einem Korb, der anfangs an einem Fesselballon hing – wenn ich nach oben sah, sah ich den Himmel nicht, sondern nur das Tiefblau des Ballons, der verknotet war wie ein Geburtstagsluftballon. es waren noch andere Leute im Korb, die sich einsangen, oder Stimmübungen machten. es störte ein wenig, denn sie sangen nicht alle wirklich schön. Ich wollte runter. Jemand knotete den Ballon auf, was extrem umständlich war. die Sänger waren jetzt eingestimmt und beschwerten sich, weil die entweichende Luft die Musik stören würde. da wurde es still, alle klatschten. die Ruhe kam aber daher, dass man den Ballon ausgelassen hatte, er flog davon und war jetzt rosa. wir stürzten nicht direkt in die Tife, es war eher ein freier Fall in Zeitlupe, sehr sanft und nicht unmusikalisch. ein dahinsegeln. die MÄnner sangen mit Kinderstimmen. sofort nach dem Aufwachen gewußt, dass das die Windsbacher Knaben gewesen sein mussten. (Im Traum allerdings dachte ich die ganze Zeit: Idioten, singt endlich oder laßt es ganz!).  Aufgekommen auf den Steinstufen im garten der Us… jetzt auch gewusst, warum die da sind und warum sie ins nichts führen. wie könnte man sonst dort landen?

Was mag das Projekt “WIndsbacher Mauersegler”  machen?

Morgens beim Frühstück fiel mir plötzlich der Lechner ein, der mir mal von dem berühmten Windsbacher Puppentheater erzählt hatte. – gar nicht mehr rausgekommen war er aus dem Schwärmen. Namentlich eine Inszeneirung von Mozarts “Zauberflöte” soll unglaublich schön gewesen sein, so poetisch, dass keine echte Opernaufführung jemals hätte mithalten können. Die drei Knaben, die da (hab nie ganz verstanden, was genau deren Funktion ist im Stück!) manchmal mit Fessel-Ballon durch die Handlung schweben und das Ganze von oben kommentierend wie ein griechischer Chor in der antiken Trgödie, ihren moralischen Senf dazu geben, waren in der Puppentheater-version vom Knabenchor gesungen, von einzelnen Stimmen. Wann mag das gewesen sein? Damals, als M. noch im Chor sang?

13. Juli

Heute an Herrn W. gedacht – den Herrn mit dem Rolator, der einen Sommerhut hatte kaufen wollen aber dann zu langsam war und die Öffnungszeit des NKD verpasst hatte und den mich dann zu den “Batscherten” im Seniorenheim Phönix eingeladen hatte.

Heute in Berlin eine Begegnung gehabt – ganz anders, längst nicht so persönlich, aber doch sehr berührend. auf der Boxhagener Straße in der Höhe “meines” Kopierladens sprach mich ein alter Mann an, der die Hausnummer 79 suchte. er schien ganz gut zu Fuß zu sein, sah eher wie 60 aus, war aber schon 80… – und wollte seine Eltern besuchen. es gab aber keine Nummer 79. 76-79 sind Bürolofts, ein Lidl, ein ehemaliger Schlecker, der leer steht, ein Imbiss, ein (natürlich!) veganes Cafe… er war fassungslos, dass das Haus nicht mehr da war. Er wüsste nun langsam nun gar nichts mehr…  Das unglaubliche an der Sache schien ihm immer zu sein, dass es ja zwei Boxhagener Straßen gäbe: eine im Osten und eine im Westen. “Ganz sicher???” fragte ich obwohl ich weiß, dass es nur eine gibt: ehemals Ost-Berlin jetzt – na ja, halt Bundeshauptstadt-Berlin.

“Also Westen?” Ob er jetzt in der Boxhagener Straße im Westen sei?

“Na ja, wie man es nimmt.”

Er sei ja aus dem Osten. Aus der Boxhagener Straße, Ecke Lenbach Straße. “Nähe großer Bahnhof… Na….” er käme gerade nicht auf den Namen, aber das bedeute nichts, seinen eigenen wüsste er im Moment auch nicht.

“Ostkreuz?” – der Name des Bahnhofs.

“Ja, genau…” Sein Blick hellte sich auf. Das sei die Boxhagener Straße, die er meine.

Dann sei er in der richtigen Straße, der richtigen Boxhagener Straße. auch in der richtigen Höhe. Dummerweise gäbe es halt sien Haus nicht mehr. – Das bezweifelte er. Er vermutete doch im West-Teil der Stadt gelandet zu sein. ich zeigte auf das kleine Cafe. Ob er das Haus wiedererkenne? Früher war es mal ein Schuster gewesen. ein winziger Laden, vielleicht ehemals nur eine Art Pförtnerkabine eines Betriebes. Noch nicht so lange her, dass da das alte ostige Schuh-Reparatur-Schild hing. mit der handgemalten Schustersilhuette. Wir setzten uns kurz auf die großzügigen Euro-Paletten-Design-Sessel.

Aber auch an den alten Laden hatte er keine Erinnerung. Da bliebe  ihm wohl nichts anderes übrig, als noch nach drüben zu gehen, die andere Boxhagener Straße suchen. Aber das ginge eigentlich über seine Kräfte. – nicht weinerlich klang er, nicht gejammert hat er. nur verwundert: darüber, dass es zwei Straßen gibt und darüber, dass er so verloren gehen konnte in der Stadt. “Es ist ja aber auch verwirrend….” wollte ich ihn trösten. “ja!”, stimmt er zu: Und unpraktisch angelegt! In der Boxhagener Straße des Westens gäbe es ja auch eine angrenzende Lenbachstraße, beinahe in gleicher Höhe, in gleichem Winkel! Das sei ja der Wahnsinn.

Der Wahnsinn, der vielleicht gar nicht so weit weg ist von der Wahrheit. Der Wahnsinn, der sich überlagernden Zeiten. Man kann im Raum herumirren, Stadtpläne falsch herum halten, in falsche Richtungen gehen, man kann aber auch in der Zeit verloren gehen. temporale Odysseen. Auf der Suche nach Punktereignissen. Vielleicht ist es deshalb meine Obsession geworden, neue Häuser zu alten zu animieren.

Der Mann hatte ein Post-it in der Tasche mit seiner Adresse und einer Telefonnummer. “betreute Senioren-WG”, Mein Anruf wurde mit Seufzem hingenommen und man sagte, dass ich Herrn A. (“unser Ausreißer”), ein Taxi rufen solle, das bezahle man dort. Als er davon fuhr, musste ich an Herrn W. denken. In keinen Städten gibt es weniger Straßen, es ist überschaubarer. Man kann mal auf einen Sprung mitgehen ins “Phönix”. In Berlin sitzt man in einem veganen ehemaligen Schusterreiladen und fühlt sich plötzlich selbst so verloren.

Als er ins Taxi stieg, hörte ich mich plötzlich “Ade” sagen. In Franken sagt man das schon mal so. wenn man es in Berlin sagt, klingt es entrückt, wie aus ferner Zeit.

 

10. Juli

Und hier ist sie nun, die ehemalige Schmiede… Die Fotos sind dann ab demnächst auf dem Weg zurück nach W.  – und ich vielleicht auch demnächst… einstweilen warte ich aber noch auf mein Motorrad, das noch im Urlaub ist unterwegs mit dem ADAC…

                

5. Juli

Mit der Tochter meine Windsbach-Fotos durchgesehen. Staunen über Aussicht vom Turm, über “kein Buchladen?”. An diesem Foto blieb sie hängen: ob ich wüsse was es heißt. “Hi” kannte ich. “Wie geht’s Dir?” nicht. “Hab Dich lieb!” schon. wo der Botschaftsstein genau sitzt, hatte ich bereits vergessen. Irgendwo im Umkreis der Brücke, glaube ich. Hat die Liebe angehalten? Wie geht es jetzt?

P13401704. Juli

Heute kam Post aus W. ein Brief mit Fotofunden! Schöne Überraschung. zwei alte Fotos der Schmiede, eins mit Kindern davor und älterem Mann, eins ganz ohne Menschen. Nur das Haus. Schönes Gebäude. Meist sind auf den alten Fotos immer Leute, denen man ansieht, dass fotografiert werden etwas Besonderes ist. sie sehen wie hypnotisiert in die Kamera, Möglichst viele wollen aufs Bild. Fast immer guckt irgendwer aus einem Fenster. Der sich anbahnende Augenblick des Auslösens… auf Papier gebannt, silbernitratversetzt… – Diese Art zu blicken ist verloren gegangen im Zeitalter der digitalen Fotographie und der Inflation der Selfies.

ich mag die alte Schmiede. Etwas herber als die süßeren Fachwerkhäuschen rundum. Solider. eher eine Art Stadthaus. war auch eins der ersten Häuser, die mir gezeigt wurden (damals von den drei Mädchen, die mich in der Eisdiele ansprachen, “Da wohnen wir!” jedenfalls zwei von den dreien). Die ehemaligen Besitzer des Hauses wiederum traf ich beim Stadtfest, als ich die kleinen Trickfilm-Verwandlungen an die Wand des Rentamtkellers warf. eben auch die Schmiede. die Warschkes versprachen mehr Bilder – das hatte ich schon vergessen! Und nun kamen sie mit der Post. Auf einem steht die Adresse des Ladens, der den Abzug gemacht hat: Otto Spicza aus Hannover-Nord, An der Autobahn 6.  Fern-Ruf 60267 – seltsame Adresse. wer wohnt an der Autobahn? Kann man immernoch fern-rufen? wie kam es, dass die Windsbacher Schmiede in Hannover an der Autobahn entwickelt wurde? – Andererseits:  nun liegen sie in Berlin-Lichtenberg auf meinem Schreibtisch. Und Die Warschkes haben ihren Namen darauf geschrieben. Spuren der Reise, das haben sie den Jpgs und PDFs voraus.

Liebe Warschkes, Keine Angst! BIlder gut angekommen! Scanne und bearbeite sie demnächst und schicke sie dann zurück! Auch die Postkarten, auf denen Windsbach aussieht wie die Location für einen 50er Jahre-Film, und das, auf dem die Hauptstraße wie leergefegt aussieht. geisterhaft wie auf Google Earth.

3. Juli

Heute gibt es beim Dorschner einen Vortrag der Grünen über “Plastik ist Müll”. Ich würd hingehen! Wenn ich da wäre. Das einmonatige Leben in einem umweltbewußten Haushalt hat ein bißchen abgefärbt. oder hatte. Kaum im Urlaub  allerdings, mit wie Hölle stinkender Honda, griff ich dann doch wieder nach den Plastikflaschen, statt nach den gläsernen, und nach den Capri-SOnnen, die immer noch ein bißchen nach Kindheit schmecken und die beim Rucksackschleppen weniger ins Gewicht fallen  (na ja, zur Strafe ist der Rucksack ja dann trotzdem geplatzt!). Zur Wiedergutmachung sei hier aber der Aufruf weiter gegeben: Windsbacher, geht zum Vortrag!

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PS

Aber über den Titel PLASTIK  IST MÜLL stolpere ich trotzdem. Plastik ist ja schließlich auch… Na ja… eben Plastik. Gibt man das Wort bei Google ein, erhält man in ungefähr dieser Reihenfolge: Bilder von Sprengsätzen, Acrylglas-Art. und vollbusigen Stauten aus Stein. Plastik scheint in erster Linie nicht Plastik zu sein, sondern explosiv, steinern, aus Ton. Selbst das abschrecken wollende Bild auf dem Flyer der Grünen sieht übrigens beinahe etwas nach Kunst aus. Oder eben Müll. Die Frage liegt auf der Zunge: Ist das Kunst oder kann das weg? oder ist einfach alles, was wir so von uns geben in irgendeiner Weise, irgendwann auf lange Sicht: Müll. Ausstoß, Abgas, Schrott. Das Leben ein einziger großer und nicht immer schöner Stoffwechsel, und der/die/das Plastik der Sand im Getriebe, ein Hauch von bitterer, verhängnisvoller Ewigkeit.

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1.Juli

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… hatte gedacht, es ist der Berg, der ruft. Aber auch Bäder rufen. Nun ist es also doch noch fertig geworden. Und der Regen füllt es bis an den Rand. Die “in der Fremde wohnende” Stadtschreiberin fühlt sich gerufen und wird sich das BAden in Berliner Stadtbädern, Brandenburgischen Seen und Badeanstalten versagen in Erwartung eines Combacks. Der Rest ist Wehmut und ein wenig Wasser unter der Brücke.

30.6.

“Windsbach aus der Ferne” ist ein Sehnsuchtsort geworden. Schwirig zu schreiben über das, was plötzlich so entrückt scheint. Wenn man da ist, weiß man nicht “wo aufhören mit Schreiben”, sobald man weg ist, nicht “wie anfangen”. Wie spinnt sich der rote Faden weiter? Wie hält die Verbindung? MAn kann sich Fotos schicken lassen. Man kann sogar bei der evangelischen Kirche die aktuelle Predigt abrufen. als Online-File oder Datenträger. eigentlich sehr großzügig, dass man dann einen Gratis-Datenträger bekommt. Schlicker auf USB-STick hören. Man trägt auch selbst seine Assoziationen mit sich herum. Erinnerungen blitzen auf. da geht einem der Reißverschluss des Super-Rucksacks kaputt und alles fällt raus – an den Frank von Helu-Kabel gedacht, der den selben hat und man hatte noch darüber gerdet wie genial und stabil die Dinger sind. Und dann bei MotorradCamping-Tour! ). ANsonsten läßt man sich berichten, anstatt es selbst zu tun:

Das Kellerfest soll toll gewesen sein, sagte man mir, stelle mir lange geplante Ausgelassenheit vor zwischen den Bäumen, oberhalb der Keller (auch darin???), Gesangsvereinigte Stimmen in der Natur, Duft von Süßwaren, Grillgut, Holzhütten, Wald und Wiese und irgendwann Bierdunst, nächtliche Besäufnisse. All die Üblichkeiten (und Übelkeiten), die es an solchen Festen eben gibt. das Besondere liegt im Detail – und das Detail, die Wirklichkeit habe ich verpasst. Pech. (ich hörte der Bommel soll seinem Bruder die  Leviten gelesen haben). Darunter wiederum kann ich mir konkreter was vorstellen.)

27.6.  Bücherei will keine Lesung . Mist. Blöd. Da wär kein Pubilkum. Andererseits: ich bin ja auch nicht da.

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[…] die Stadt liegt hinter mir. “Windsbach aus der Ferne” (das Foto stammt aus dem Fotoalbum der Rühls, zusammengetragen von Karl Rühl) trifft das Gefühl ganz gut.  Ferne Zeit, ferner Ort (bin jetzt am Bodensee, würde aber am liebsten umdrehen und zurück. Einstweilen sind es halt Gedanken von unterwegs, und keine Beobachtungen vorort.

 

 

 

 

 

 

Jetzt ist ein Foto von 1860-und-noch-was aufgetaucht (so geht das Gerücht), leider habe ich es noch nicht gesehen, daher warte ich noch mit der wahrscheinlich wieder mal fälligen Richtigstellung. Übrigens hat sich auch das Stadtbuch als etwas jünger herausgestellt, als vermutet von seiten des Bürgermeisters. es beginnt mit der Verleihung des Stadtwappens ca. 16Hundet und noch was durch Joachim Ernst von Brandenburg…. es dauete etwas bis ich den Namen “Ernst” entzifferte.Der Lechner bestätigte es dann: das Stadtbuch beginnt mit der Verleihung des Stadtwappens und somit ist es von 16nochwas. … – Fakten. Momentan sind es historische Fakten, die mich von Windsbach erzählen lassen, aber ein anderer Fakt ist: ich bin gar nicht mehr da. EIn Monat volle Kanne Leben und plötzlich ist man weg, hat ausgedient und macht sich  auf und davon.

Jetzt sitz ich in Friedrichshafen fest und denke, ich hätt lieber in W. bleiben sollen. die schwäbischen Motorradwerkstätten sind halt… schwäbische. den Baumeister schmerzlich vermisst… – und dann auch angerufen. da weiß man halt dann, dass einer den Vergaser auch kennt und genau weiß, wie es im Inneren der Honda aussieht. Und das ist ja nur das eine: das Innere der Honda. Und meins? ich hab noch eine Woche Ferien, wollte eigentlich weit, mit dem Freund nach Italien. Jetzt denke ich, ich wär lieber in Windsbach geblieben, wo es Motorradwerkstätten gibt, die Bescheid wissen und ein Kellerfest veranstalten (nicht die Werkstätten) und wo es ein gratis Internet am NKD und einen Earl Grey im Stadtcafe und und..

Am Freund liegts nicht. Der erschien pünktlich und zu allem bereit. Aber mein Motorrad geht gerade kaputt. nicht weiter können, macht einen Nachdenken darüber, ob man nicht manchmal einfach da bleiben soll, wo man gerade ist. Musste an die Musiker denken von “Kleiber und Burr”, die eine Autopanne hatten. Ihr Auto rollte gerade dahin wo sie auch hin mussten: mach Windsbach, zum Turm, ein Konzert geben. Man kann fluchen, weil es so viel Geld kostet, das Fahrzeug zu reparieren, oder man kann es gut sein lassen und sagen: Bleib ich halt hier!

Schon mein Aufbruch war seltsam. Es schien  Zeit zu sein. Gastfreundschaft soll man nicht übertrapatzieren. Los. In letzter Minute war mir aber der Gedanke gekommen, etwas verpasst zu haben, etwas vergessen zu haben. Hatte an das Konzert gedacht, die Klezmer-Band in Neuendettelsau, gleich zu Anfangs meiner Zeit: das alte Paar, das ich sah im Luther-Saal, die mir so vertraut vorekommen waren und dann doch nicht — oder doch?

Die Taschen hatte ich schon gepackt, das Motorrad war (stundenlang) beladen und verschnürt worden, ich war schon fast auf dem Weg, da hatte es mir doch keine Ruhe gelassen: und es ist ja so einfach: Teleauskunft. Google blablabla…

Stellte sich heraus, dass mein alter Pfarrer tatsächlich in Neuendettelsau gelandet ist. wohlverdienter Ruhestand. eine Stimme antwortete “Ja?!”, als ich anrief (“Sind sie der…, der sie sind?”) – es stellte sich heraus, dass es sich bei dem Pfarrer tatsächlich um den Pfarrer meiner Kindheit handelte – leider erinnerte er sich aber nicht an mich.  – schon blöd: da war man (angeblich!) mal die schönste Maria im Krippenspiel, aber ist schon vergessen.  egal. seltsamerweise, ein sehr schönes Gespräch geführt. Besuch in N. Gebäck gekauft. In letzter Minute noch die EIngabe gehabt: bring dem Pfarrer ein “Luther-Bier” mit. das vom Lechner. war auch freudig angenommen worden. “sowas, ein Lutherbier!” – so war der ganze Nachmittag gewesen. Vertrautes – ohne einen Schimme rzu habem, was einen verband. das tröstet. das schmerzt. Sehr nah, sehr innig. und trotzdem auch an einenander vorbei. denn ich war ja eigentlich “niemand” obwohl der Pfarrer nicht wissen konnte, wie wichtig seine Famile mal gewesen war, als ich klein war. Als wäre man ein unbeschriebenes Blatt – aber unbeschriebene Blätter sind gut. vielleicht ist das das Gute am “Weit-Weg-Sein”: jede Menge unbeschriebener  Blätter, Entdeckungen zu machen, Blätter zu füllen… Beim Pfarrer G. waren dessen Enkel  interessiert an meinem Motorrad, aber dann doch enttäusht, weil es es nicht so schick war, wie  es hätte sein sollen (was mich freilich dann doch auf irgendeiner unerwachsenen Ebene kränkte) – dann die Gespräche. Ich immer in Erinnerungen versunken – er in eigenen. manche trafen sich. Und dann – jenseits des Who-Is-Who? ein angenehmes Interesse aneinander, egal wer man ist oder mal war.

[…]

Traurige Erkenntnis, dass der Junge, den ich kannte, der mal bei den Sängerknaben war,  tot ist. hatte es mir schon gedacht, die konkrete Gewissheit ist dennoch ein Schlag. Was mich mal hier her gezogen hatte,  ist also aus und vorbei. Das macht aber trotz und alledem nichts. ich bin hier. ich war hier. ich wäre gerne wieder hier…

Es wird zur Passion, alte Fotos nachzustellen. (Dank der Rühlschen Fotoalben und eines noch älteren Fotos, das der Filmemacher Lassmann mir zukommen ließ. 1894! wahrscheinlich ältestes Stadtbild Windsbachs. Man sieht wie die Straße vor dem- Rathaus gepflastert wird. (wo doch nur ein paar Jahrzehnte zuvor der durchreisende Goethe das Windsbacher Pflaster explizit in seinem Tagebuch erwähnte als “leidlich”!) Ich hatte schon am Morgen nach dem Stadtfest das Foto neu aufnehmen wollen, aber da war noch alles voller Büdchen, die genau da standen, wo ich hätte stehen müssen. Alter Mann (Stock, Hosenträger, viel Ruhe und Zeit) spatzierte in der Stadt herum. Immer wieder kreuzten sich die Wege (oder ich stand ihm im Weg rum wie mir die Büdchen). Betrachtete die Baustelle, vor dem Haus der Rühls, auch so ein Vorher-Nachher-Motiv. und fragte sich glaube ich was ich da dauernd fotografiere. als ich ihm mein Handy unter die Nase hielt (“1894! ist das nicht toll”), um ihm das Pflaster-Bild zu zeigen, muss ich leicht seltsam rübergekommen sein. Im SOnnenlicht sah man kaum das Foto. Vielleicht dachte er ich sei stolze Besitzerin eines historischen Mobilfunkgerätes aus dem 19. Jahrhundert.

Und da ist dieses Nest auf dem Schornstein des Rentamtes! Und das wo (laut U.)  das aktuelle Dach von heute ebenfalls von einem Storch auf der Durchreise besucht worden sein soll, möglicherweise einem auf Wohnungssuche…

frage mich immer noch was Goethe mit “leidlich” meinte. heißt das: “ich litt!” oder “ganz okay!”?MTQ5NzE5NTAwMTYwOC4zNTc3MDc5LjJlYjEzMzg5MTYxNzZjYWY2YjdmYzIzZDVlNzUyMmVhMjI4MzYzMzVAc3BpY2EudGVsZWtvbS5kZQ;jsessionid=667A05FED62006E5C127822B1585EF8B-n1

Windsbach, Überblendet 1894-2017

15. 6.

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Altes Kassenbuch der Rühls sehen gedurft. Hohes schmales Buch, in dem in schwungvoller alter Schrift zu lesen ist, wer was wann gekauft hat.
Der Hofmockel „von hier“ bezahlte im April 10 Mark für einen Anzug, gewaschen und gebügelt. Im Mai eine Hose mit Bluse für 7 Mark und 10; ein andermal, ein Jahr drauf einen Anzug für seine Sohn in Nürnberg. Für die Frau einen Paletot. – Großartig dass das da vermerkt ist! Möchte jetzt auch immer solche Kaufbelege ausgestellt bekommen. Wenn man mal eine Steuerprüfung haben sollte, kann man gleichzeitig ein ganz kleines bißchen in Erinnerungen schwelgen zum Trost. – Handelte es sich beim Hofmockel um einen Vorfahren des Schusters von gegenüber? Der viel gepriesene, der jetzt leider schloß. Die Frau aus dem Haushaltsladen in Neuendettelsau, bei der ich einen Thermosbecher gekauft hatte (für den Sohn in Heidelberg) pries seine Reparaturkünste in so hohen Tönen und riet von anderen Läden ab, dass ich meine Motorradstiefel nicht in der Einkaufspassage ließ – geschweige denn nach Ansbach fuhr, und die Schuhe wieder mit nach W. nahm– obwohl ich ja eigentlich wusste, dass der Schuhladen schon geschlossen haben muss. Die Frau wollt das nicht glauben und da wollte ich es auch nicht mehr glauben. Leider aber doch wahr.

Auf einer anderen Seite im Rühlschen Buch steht von den Einkäufen der Familie Dörr aus Mitteleschenbach (3 Kochlöffel, Anzug, Krafatte, Kragen). Möglicherweise handelte es sich um die Tante der Frau aus Wolframs-Eschenbach, deren Haus in Mitteleschenbach einen Zugang zum Geheimgang gehabt haben soll. Wie schade, dass die Adresse nicht vermerkt ist. Aber Dörrs gibt es wohl viele.

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14. 6.

Der Tag nun wiederum war geballtes Leben. heiß und lebensfroh. hinter der Gottesruhkapelle wohnt die Kantorenfrau, die alte Frau Vogt. Schon der Dekan Schlicker hatte vor einiger Zeit geraten “Klingeln sie da ruhig mal”. Klingel aber bisher nicht gefunden gehabt, da ich immer von der Kapelle aus genHaus gegangen war, anstatt von der Straße aus.

Früher war das ein Haus für Leprakranke, das Siechenhaus. In noch früherer Zeit stand das Haus anders, oder es gab einen Anbau, der den “Siechen”, den Lepra-Kranken und anderen Insassen erlaubte  bis in die Gottesruhkapelle zu blicken. es schloß direkt an.Rein durften sie nicht, aber vom Tor aus am Fußende der Kapelle konnten sie aus der Ferne teilnehmen am Gottesdienst. (erklärte Herr Lechner mir mal). seltsame Konstellation.Da hatten die gesunden  die Augen der Quarantäne-Leute im Nacken. – wieder so ein Geanke, der in die letzte Nacht gepasst hätte. Fragte Frau V., ob es nicht seltsam sei, in einem ehemeligen “Siechenhaus” zu wohnen, aber das fand sie nicht. das Leben sei ja nun mal ein Siechtum… – aber das sagte sie derart lebensfroh und zufrieden, dass die Schauder der letzen Nacht weggewischt waren. Die V. wirkte seltsam vertraut. Hatte mir eingebildet, sie schon öfters gesehen zu haben, auf einem Traktor vorbeifahrend und lächelnd, mit Gartengerät auf einem Fahrrad, fröhlich, aber da hatte ich mich geirrt. vielleichts gibts mehr fröhliche alte Frauen in dieser Stadt. wenn ich mal so alt bin, wäre ich gerne so gelassen und freundlich. Frauengespräche.

Abends weitere am Lagerfeuer bei Nina Rühl. Sie meinte, beim nächsten Mal solle ich mir  von der V. erzählen lassen, wie es in früheren Jahren mit den Geburten gegangen sei. Sie hätte einmal so ein Gespräch mit Frau V. geführt und das sei absolut beglückend gewesen. der ganze Tag aber war eh ein Glücksfall. Luft – Erde – Feuer.  Der hohe Turm, die Weite, die Dächer, die Brezel im Ziegelwerk des Hauses, das mal eine Bäckerei war, das Wieder-Runter-Kommen, die weitgereiste Frau V. (bei einem Töpfer in die Lehre gegangen, der mehr Künstler gewesen sei als Handwerker, selber Künstlerseele, würde auch gut nach Worpswede passen, zierlich, lachfaltig, blitzend-blauäugig, in ihrem schönen Garten hinter der Kapelle angekommen… –   und dann abends das Lager-Feuer, die Einladung zu N. Tobendes Leben, tobende Kinder, in den Nachthimmel katapultiert dank Trampolin. Dahinschmelzende Marshmellows an Spießen. Kleiner Junge der so gerne einen Nashornkäfer als Haustier gehabt hätte, die Finger nicht lassen konnte von dem fliehenden Tier, aber dann doch gehorchte. herzzerreißendes Dilemma. Kinder in Betten. Dann zurück ans Lagerfeuer bis spät in die Nacht hinein.

“Wie-Neu-Gefühl”.

13. 6.

Halb drei Uhr nachts im Garten der Us. Wunderschöner improvisierter Abend. Ein Umtrunk endet. Bier auf Wein. Meine Zeit ist fast rum, deshalb der Umtrunk. Umtrunk. Unglaubliches Wort, wenn man es mehrfach hintereinander ausspricht (oder zu so später Stunde aufschreibt), verliert es jeden Sinn – und wird zum gurgelnden Schlund in den man stürzt. Die Zeit ist um. Die umme Zeit. Kein Wurmloch weit… kein Anti-Brumm… und breit. Mit den spätesten Gästen noch lange gesessen und Schaudergeschichten gehört in der Hitze der Nacht. Werde alles durcheinanderbringen, schon jetzt weiß ich nicht mehr, wo die eine Gestalt beginnt, die andere aufhört:

Der Fischöder scheint ein Mann gewesen zu sein, schon tot, dabei waren seine Leute doch selbst Sargbauer, groß von Gestalt, möglicherweise kahl, aber ließ sich Haar-Ersatz „wachsen“ (oder wachste er das vermeintliche Haar?) mit fragwürdigem Mittel, die einen sagen schaumartiger, Kunststoff, die anderen sagten Spezialshampoo, das aushärtete zu steifen Locken. Zu schwarz. Der Fischöder (auch „Fisch“ genannt) hätte ein Fernglas gehabt, vielleicht einem Operngucker ähnlich, vielleicht einem Feldstecher, fuhr einem Mädchen hinterher, starrte durchs Glas, fuhr weiter, starrte… – nichts weiter dennoch gruselig?

Eine Leiche wurde einmal gefunden in der Rezat – leider von Kindern.

Eine andere in einer Sofaritze, der Tage oder gar Wochen nachdem er auf höchst ungeschickte weise, vielleicht auch nach einem „Umtrunk“ , darin zusammengebrochen war, oder das Sofa um ihn herum wegknickte.

Einmal tauchte die Leiche einer Tante auf im Wasser, sie war schwarz gekleidet und entpuppte sich als die Tante desjenigen, der sie da fand.

Warum ist Sterben, so fürchterlich umständlich und unschön? Warum kann man sich nicht einfach in Wohlgefallen auflösen, warum in den Polstern von alten Möbelstücken? In Schleusen, in der braunen Rezat.

Und wenn man über die Brücke über die Rezat geht und nicht hinab ins Wasser sieht, sondern in die Zweige, dann sieht man eine weiße Plastiktüte, in der ebenfalls irgendetwas vor sich hin zu modern scheint.  Tag für Tag wird die Brühe darin brauner. irgend wann wird der Zweig brechen und die Tüte in den Fluss fallen und davon treiben und es stinkt “wie der Tod aus Forchheim” (was für ein Tod mag das sein? hat die Stadt ihren eigenen? Eine Stadt, die auch aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen für sich beansprucht, der Geburtsort Pontius Pilatus’ zu sein!)

Es ist spät. Halb vier uhr früh. Die Vögel beginnen mit überbordend sprachlos machendem Gesang. Schön. Wunderschön. Trotzdem oder gerade deshalb: eine Folge Grey’s Anatomy geguckt. Körper wieder Heilmachen.

***

Möglicherweise tut man jenem Fischöder wieder mal unrecht. Kann er was dafür, dass seine Haare nicht so waren, wie es gern gehabt hätte? Wie ich aus anderer Quelle erfuhr, rieb er das eigene Haar mit Schuhcreme ein. Weil er es gerne schwarz hatte. Man hätte ihn besser beraten müssen.

Bei Tageslicht verliert die Geschichte ihre Schauderhaftigkeit. Man kann seine Frisur auch beschreiben als die Haartracht einer Playmobil-Figur. Schon freundlicher.

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Der Turm! Beim Stadtfest hatte ich ihn nicht mehr sehen können. Öffnungszeitfenster verpasst. Hinter der S. hermarschiert, die ihn extra aufschloß für mich. Ein Rest Burg. Steile Stiegen nach oben in ungewohnter Treppenstufenhöhe, als ginge man in eine andere Zeit zurück. (die Vergangenheit gefühlsmäßig in der Tiefe angesiedelt, hier erstreckt sie sich auf halben Treppen über weiteren Treppen.  Bilder unten und auf dem Wege hinauf zeigen in welchem Zustand der Turm einmal war: fest in Taubenhand (oder unter deren Fittichen). Zugeschissen, verrottet. Jetzt ist er renoviert. Turmfalken hatten sich seiner angenommen. über viele Jahren minutiös und solide renoviert und zwar ehrenamtlich nach Feierabend(en)! Der Verein der Turmfalken züchtet nicht Falken oder jagt mit ihnen, die heißen nur so. angedacht ist, die Vögel wieder anzusiedeln im Turm. (Wäre eher dafür, die sollten eine Stadtschreiberin hier einnisten!  Die Vorstellung all die Treppen immer nehmen zu müssen, ist nicht sooo absurd, wenn man sich daran erinnert in Berlin-Mitte mal im vierten Stock gewohnt zu haben. War da allerdings noch fitter. Um den Turm herum grasten einmal Hasen. Es gibt auch ein kleines Cafe, das nur einmal im Jahr geöffnet hat. Auch hier viele Dinge von früher. Töpfe, Bügeleisen. Puppenstuben. S: erzählte Geschichte von einer Flüchtlingsfamilie, die nach Windsbach kam (keine heutige, sondern damals Sudetendeutsche!) und letztere mitbrachte. Das Kind hatte geweint, als es seine Puppenstube zurücklassen musste, da hatte der Vater die bitter-nötigeren Habseligkeiten zurückgelassen und stattdessen das SPielzeug auf den Rücken gepackt. Mädchen samt Stube wurde in W: ansässig, diese wurde dann später irgendwann den Turmfalken gestiftet, da die Kinder der Kinder der Frau lieber mit Barbietraumhäusern spielten. Nun steht sie in dem kleinen heimlichen Cafe. Puppenstube in der Puppenstube. seltsam berührend, dass selbst die authentische EInrichtung des Turmes samt nebengebäude (Cafe) wie  en miniature wirkt. kleinere Menschen, fernere Zeiten. Man möchte sich trotzdem in das Bett legen, die Knie anziehen und über der Welt schweben.

Immer wieder gestaunt, dass diese Museenartigen Schatzkästchen nicht in Betrieb sind. anderswo wären es Touristenattraktionen. Ebenso ging es mir mit dem Bessenhaus, dem Heimatmuseum. verschlossene Truhe voller Kostbarkeiten, die sich nur dann und wann öffnet, wenn man es sich wirklich wünscht. einerseits schade, andererseits auch toll. es wird nicht breitgetreten, nicht tagtäglich zur Schau gestellt, es ist, als guckte man durch ein Schlüsselloch in eine ferne Zeit, die aber dann nicht museumsbetrieblich aufbereitet ist, sondern im Dornröschenschlaf liegt.

Neues Wort gelernt: Himba Hamba. Muss sowas bedeuten wie wenn einem die Augen übergehen und man total begeistert ist.

12. Juni

Morgen Danach. Nach dem Stadtfest. Von dem ich gar nicht so viel mitbekommen habe. Als mein Part vorüber war, brach der Feierabend doch noch aus. Es sei erwähnt, dass die Konditorei Helmreich der Stadtschreiberin ein Bier ausgab. Nicht dass sie selbst auf diese Idee gekommen wäre (weder die Stadtschreiberin noch die Konditorei, aber da ergriffen welche die Initiative, in dieser Sache zu verhandeln und erschienen prompt mit einem Bier-To-Go am Kellergewölbe des Rentamtes, wo ich gerade meine Lesung beendet hatte. War gerührt. Ging später das geleerte Glas zurückzugeben und mich überschwänglich zu bedanken (ein zweites gabs aber nicht).

Die Konditorei ist schon beeindruckend. Von außen erstmal nicht so (Konzept: leere Pralinenschachteln in der Auslage! – aber das ist ja irgendwie auch klar: wäre ja blöd, gefüllte ins sonnenurchflutete Schaufenster zu legen!). Es macht auch nichts, weil man ja weiß, wie es innen ist. Innen ist es zauberhaft. Schiele immer zu den “Schneebällen” hin.

Motorrad beim Baumeister abgeholt; Testfahrt endete in Reuth. Dann Baumeister wiederum mich und Motorrad abgeholt, weil ich plötzlich stehen blieb. Lag aber nicht an der Reperatur! Ich hatte vergessen den “Choke” rauszumachen. Und versucht im ersten, bzw. dritten Gang zu starten. Wahnsinn. Es ist schon schockierend, wie wenig ich weiß über Motorräder. Direkt peinlich.

11. Juni

Dem alten Herrn W. seine Schwiegertochter kennengelernt! eigentlich kannte ich sie schon flüchtig, aber hatte nicht gewußt wer sie ist. In Berlin würde man daraufhin voller Staunen zum Ausdruck bringen, wie klein die Welt doch ist. Hierzulande freilich scheint sie eh kleiner – bin trotzdem überzeugt davon , dass sie überall klein ist, dass überall Leute unterwegs sind, die man eigentlich kennt (oder kennen hätte sollen) oder über höchstens eine Ecke herum kennt, es fehlt nur meistens die Antenne, um es zu merken.

Ansonsten den herrlichen Tag im kellergewölbe verbracht und von der Welt zunächst nichts mitbekommen. einen virtuellen Traumraum eingerichtet voller Albernheiten, Windsbacher Häusern und . abends spät verirrte sich ein kleiner Junge hinein, der staunte, aber traute sich dann doch nicht ganz nah.. Mist, dass die Veranstaltung morgen am Tage ist, wenn das echte Leben toben wir, gestern abend liefen so viele Leute fast bis nach unten, aber dann doch nur aufs Klo obendrüber. Bedürfnisse. Bedürfnis zu zeigen. Gleichzeitig Bedürfnis abzutauchen und der Welt abhanden zu kommen. UND: großes Bedürfnis empfunden zum STadtfest zu gehen mit Freund. Freund fehlt nun doch  sehr…

 

… Zumal Berliner Stadtfeste echt nix sind gegen das gestrige.  Zwischendurch doch mal dorthin. die aus allen glücklichen Nähten platzende Straße zwischen den Toren, die sich schräg nach unten windet und trotzdem fällt keiner von der Bierbank. Blaskapellentöne, Oben Bürgermeister (spricht nur wenige Worte, dann gehts los) unten noch Sonnenstrahlen vor der Bühne der Band.  Bier getunken. Begeistert klatschende (Asylanten?)FAmilie neben mir, vor mit ebenso junge Mädchen vom Turnverein. Unglaublich tolle Stimmung. Als ich nachts zurückkam zum Fest – beinahe noch schöner. Brechend voll, aber es bricht nicht. Betrunkene Junge Leute, die zu große für die Hüpfburg waren und  stöhnend auf der Bank lagen, ein Mädchen wie hingegeben, die Jungs verzweifelt neben noch vollem Bier, schwören, nie wieder Bier zu trinken. Warnungen, verkündet, die Burg sei zu heftig für “Große”. Tatsächlich war sie gigantisch, zgwängte sich am engen Kirchplatz zwischen  die “Magaretha” und die Fachwerkhäuschen, ebenbürtig, fast gewaltiger und wogte bedrohlich zwischen den alten Bauten. War auch noch mit mittelalterlichen Motiven versehen und so sah es wirklich aus, als hätte ein Dark-Ages-Bauherr die letzte Lücke genutzt um den Kirchplatz aus dem Gleichgewicht zu bringen. Alles schwankte. Lustvolles Erdbeben. Ein Herr stand davor und gab acht, dass nichts und niemand umkippte.

10.Juni

Heute ist Stadtfest. Und morgen! lange Nacht gehabt im Kellergewölbe des Rentamtes, um Videoprojektinen einzurichten. STadtbilder, Trickfilmschnippsel und Sonstiges an die gekalkten WÄnde zu werfen. Lese morgen dort, zeitgleich mit der Veranstaltung eines Enten-Rennens in der  Rezat und während draußen  eine Band namens “die Querbläxer” spielt. Könnte schwierig morgen. Notfalls lese ich ganz leise.

Aber die Projektionen sind toll. und Cocktails gibt es (ab 13 Uhr am Sonntag, also morgen; Leseblöcke: 14:00-14:45; 15:00-15:45)

9.Juni

Das Motorrad ist kaputt. Die Werkstatt schräg gegenüber repariert es. “Geh zum Baumeister!”, das sagten so ziemlich alle. Werkstatt nicht gleich gefunden. Nun steht es dort und alles dauert länger: Ich gehe länger. An der Tankstelle bergauf, am Halter vorbei, der grüßte von Ferne. Der Bahnhof wirkt so verschlafen. Hörte aber neulich sehr plastische Schilderung, wie einmal eine chinesische Reisegruppe aus dem Regionalzug ausstieg, sich erwartungsvoll an die Straßenecke gestellt habe, um sich blickend, staunend, fotografierend vermutlich, mit Mobilfunkgeräten zu Gange war und dann aus heiterem Himmel und in rasantem Tempo auf die andere Straßenseite hinüberwechselte, wiederum um sich blickend, fotografierend, bis nach wenigen Minuten ein Bus erschien und sie einsammelte. Auf und davon. Zeigen die jetzt zuhause Fotos und sagen „Daaas ist Windsbach!“? – wahrscheinlich wird man den kleinen Städten niemals gerecht. Mit dem Zug nach Neuendettelsau gefahren. Wenn man durch die Stadt läuft wirkt sie trostloser als wenn man durch sie hindurchbraust mit dem Motorrad. Ein Junge der in den Neuendettelasauer Werkstätten Playmobilfiguren verpackt setzte sich zu mir auf die Bank. Billie. Vielleicht hat er auch den Plastik-Luther eingetütet, den die Diakonie verteilt (habe jetzt auch einen! Aber von Herrn Lechner aus dem Heimatmuseum. Lud Billie zum Stadtfest ein, weil ich da lese. Das ginge wohl nicht, meinte er, er wohne ja in Neuendettelsau und nicht in Windsbach. Einen Cousin hätte er in Berlin. Vielleicht käme er mal dort hin.

Hier fallen ungünstige Namen ins Auge: Metzgerei Keim. Hat aber schönen Biergarten. Am Kahlschlag. Will man das als Postadresse? Am Kahlschlag 7 – Bitte eine Werbung einwerfen oder so?

Weiß rot bemalte Holzbretter im überdachten Wartebereich der Bahn,  „Lukas ist scheiße toll“ steht unter den Geranien. Reisezentrum, aber kein Bahnhof, der ist Museum. Der “Weltladen“ – aber “der ganz andere Weltladen”. Kenne nicht so viele Weltläden. Was kostet die Welt? Was kauft man da?   Suche Kopierladen. Din A 4 Ausdruck Farbe in Neuendettelsau kostet 1 €!. Dafür aber in der Diakonie einen roten Kugelschreiber geschenkt bekommen. Ehrlich erfreut darüber. Vor der Kirche steht ein Soldat. Versteinert steht er und starrt auf die Kirche, sieht nicht aus, als wolle er die betreten. Ich war neulich schon drin. Einzig zieht es mich in den verwunschenen Park dahinter. In Eisenketten gelegtes Gartentor. Das Paradies ist verriegelt und der Cherub ist hinter uns.

Die Bahn hält doch nicht nur in Neuendettelsau, Petersaurach, da wohnt der frühere Pfarrer Witzig. War letzten Sonntag schön, ihn einmal predigen zu hören, ehrwürdig, getragen, solide – und dann spielt er plötzlich Gitarre. Toll. – Hinter Petersaurach Rehe. Bei Haltewunsch bitte Taste drücken. Geht das? Halten die dann an? letzter Halt Windsbach. Gehalten dann beim Halter. Schinken.

8.Juni

Heute. Heute.. heute… finde ich keine Worte. Vielleicht geht es doch, wenn man auf der steinernen Treppe sitzt, die ins Nichts führt im Garten der Us.  wenn man auf den Teich blickt, sich an die Mauer lehnt, die weich ist von dem was da rankt. Ja, da geht es dann irgendwie. Hätte heute dem Mänenrgesamgsverein zuhören können beim Proben – jetzt! gerade eben vernutlich singen sie, aber ich war mir nicht sicher gewesen ob die Einladung noch steht… und weil ich seit zwei Tagen dahinkränkle, und weil die Zeit zur Neige geht, weil, weil, weil… Ich wünschte, ich könnte länger hier bleiben. Einfach nur sein, da-sein. Aber das Stadtfest naht und es artet ein bißchen aus mit der Vorbereitung. Werbung machen dafür… ich glaube, das einzige, was ich in Windsbach vermisse ist ein Kopierladen. die kleinen Plakate in der Stadt aufhängen erweist sich als mühsam. Der Bäcker Beisser hat Urlaub… im Dekanat am Briefkasten steht (verständlicherweise) “keine Werbung!”, im Stadtcafe hängt man Plakate auf, in die Tür, in einer Höhe, in der es mittelgroße Hunde und Dreijährige gut lesen können, wenn sie lesen können. (“Die hängen da immer so! das sehen die schon”) – Gegenkonzept dazu: Das Schild in Form eines Pfeils, das zur “Ausstellung” im Rentamt weist. Hoch angebracht direkt über dem Pranger. Wo da doch eigentlich keiner hinaufschaut (weil da ja niemand angeprangert ist – Übrigens habe ich jetzt gesehen, dass man den Eisenbügel, der um den Hals geht verstellen konnte, dreistufig. also doch ein Benutzerfreundlicher Pranger), dann die Bücherei nicht gefunden. Googlemaps führte mich hin, aber ich sah nur einen Kindergarten. Wieder gegangen.

Verdammt, es wäre wirklich schön jetzt einen Gesangsverein zu hören… die Amseln trösten darüber hinweg, aber Männerstimmen, die wahrscheinlich alt gewordenen Knaben von einst…  Hingehen? nicht hingehen? Sonne sinkt.

7.6.

Im Rathaus gewesen, erstmals wieder seit der Sitzung zum Thema Stadtfest, an meinem ersten Tag. (übrigens bin ich inzwischen auch der Meinung, dass ein Essensgutschein pro Rentner reicht. Hörte schon des öfteren von Senioren aller Schichten, die sich durch eben solchen bevormundet oder in der Ehre gekränkt fühlen. Die schmeissen die weg! , Einer soll den Gutschein gar im Papiervernichter geschreddert haben. (Vielleicht sollten sie lieber Essensgutscheine für arme Künstler verteilen.)

war ein wenig zu früh dran gewesen und saß eine Weile vor dem rötlichen Gebäude.  Unter dem Pranger! tatsächlich noch vorhanden der in der Höhe des ersten Stockes  in die Wand eingelassene Eisen-Tritt, auf dem die Sünder stehen mussten, darüner ein ebenfalls eisernes Halsband. Könnte man da die Größe verstellen? mussten die Kleinen auf Zehenspitzen stehen und die Großen gebückt stehen und gekrümmt? Im Inneren ist alles so neu und modern…  und dann das:

Altes Stadtbuch in Händen gehalten. Was für ein Schatz. Lesen wollen!P1340080

6.6.

 

 

 

 

 

Es regnet. und es hat in mein Motorrad geregnet. fährt sprunghaft. meine Stiefel lösen sich auf. die Eisdiele hatte zu. Thermoskannenbecher in Neuendettelsau erworben.  Abends bei ILIOS, ehemals “ZUR SONNE” (da hat mal Goethe gegessen) (und wieder ist eine Korrektur von Nöten: es heißt tatsächlich noch so: SONNE, da ILIOS das griechishe Wort dafür ist.

5.6. Pfingstmontag

Richtigstellungen scheinen wieder fällig. der gefühlte Galgenberg war der Kellernberg. Der mit dem Kellernfest. hatte mir vorgestelt, dass dort an den Büdchen aber auch in den Kellern gefeiert würde, aber die Kellern scheinen eher tote Adern zu sein, die sich in den Berg graben, einer wohl bis in 80 m Tiefe. Wahnsinn! wenn die Windsbacher früher Achtzig-Meter-Keller hingekriegt haben, dann doch wohl auch Acht-Kilometer-Geheimgänge, oder? – Jetzt leben Fledermäuse darin im Winter.

Andere Korrektur im Geiste: Muss den Satz “Fleisch kaufe man beim Rosenberger” revidieren, bzw. erweitern: Wurstwaren ab jetzt beim Halter –  gestern entdeckt hinter dem Bahnhof – oder davor; Bierbänken. Stammtische. Abendlicht. nette Leute, auch Katholiken samt allseits hochgeschätztem Pfarrer; fröhliche Runde, Berlingereiste (zum Weihnachts-Singen von Union!!!); Frank von Helukabel; Maurer mit schönem Hut namens Bommel; Leitende Stimme des Männergesangsvereins, glühend für seinen Beruf, hatte aber Pech bei der kirchlichen Tombola gehabt (gewonnen: einen rosa-magenta Kissenbezug aus Kunstseide, eine Plastikorchidee, eine Plastiktragetasche und ein Orchideenpflegeset (dieses aber nun wiederum für echte). Außerordentlich gut amüsiert. Und unerhofft den verpassten Einkauf (Feiertag!) nachholen gekonnt: folgte dem Betreiber des Lokals namens F. ins Innere, wo er Würste holte aus der Wand. (kühlendes weißes Wandfach, ein Tresor voller Kostbarkeit. Duft erfüllte den sonst kargen Raum. dann wieder raus in den Abend. Schon vielleicht eigentlich eine Sache für sich, eine Insiderrunde, der ich kurz mal beisitzen durfte, aber eben eine lebendige. Kein Schnickschnack. Kein Scheiß.

4. Juni

Weil das Gewitter nicht wirklich eins war, sei hier ein anderes Unwetter zitiert.

“Bei der Rückkehr wurden wir […] genötigt, im Dorf Schwabach zu übernachten. Da begann mitten in der Nacht der HImmel vom Norden her sich zu röten,  blutfarbene Blitze und weißliche STrahlen auszusenden und die Erdoberfläche derart zu erhellen, daß man eine zu Boden gefallene  Nadel nötigenfalls leicht hätte aufheben können. Da riefen wir […] mit vorlautem Munde aus: daß sei da gleich, was wir nach einer Predigt Gregor des Großen (540-604) folgendermaßen läsen. Feurigen Glanz sahen wir am Himmel und funkelndes Menschenblut, das später vergossen worden ist.”

vor 900 Jahren war das. Heute regnets.

Und Pfingsten ist. Da passt feuriger Glanz, der vom Himmel kommt eigentlich ganz gut.

3. Juni

Es soll heute gewittern.

Aufgewacht mit schwerem Kopf. aber ich bin fast sicher, dass es nicht am “Wurmbier” lag, das ich gestern in Immeldorf zu mir nahm. Es mag das bevorstehende Gewitter Schuld sein. Einer sagte Morgen gibt es ein Gewitter. Ein anderer: das hoffen wir alle. An Battle Star galactica gedacht. Wurmloch. Weh. Was für eine Nacht.

Konzert. WEISSES ROSS. Unglaublicher Ort…

Immeldorf. Ortsschild, das immer wieder mal mit Eding ein “P” verpasst bekommt vor dem “I”. Weisses Ross – endlich der lang ersehnte Biergarten. Gärtchen eher, vor Fachwerk-Hexenhäuschen, verwunschener Ort. Wirt namens Walter, der trotz armfreiem Tour-T-shirt einem Mittelalter-Film entsprungen hätte sein können (aber keinem bunten Fernsehfilm, einem schrägen schwarz-weißen Mittelalter einer Parallelwelt), wurschtelte noch mit den Gummihandschuhen herum, als wär er noch am Putzen in letzter Minute, oder inmitten einer OP (eienr mittelalterlichen) – aber herkommen wegen der Sauberkeit, tut möglicherweise keiner. Fruchtbarer Boden, aus dem alles nur Erdenkliche sprießt. Lichtschläuche, Gnome, das HB-Männchen – Relikte der 80er Jahre, oder früherer Werbezeiten. BAllonlampen mit Schnurrbart. Ofen, der einen anzustarren scheint, Karussellpferdchen darauf flieht. die Single hinter dem Tresen „Akropolis Adieu Mireille Mathieu“ (die noch nicht ihren Look gefunden hat), der mit Plakaten bedeckte Kicker und dünn-glänzenden Flyern eines späteren Festivals im Sommer (die eine Gruppe käm aber nicht, weil die seien zu teuer, das wüßte er jetzt, aber der Flyer hätt schon früher in den Druck gemusst), der andere (leere) Kicker im Spielhöllenhinterzimmer, das sich plötzlich auftat, in der Ecke war einer vehement zu Gange am einzigen Automaten. Die vogelkundige Unterrichtstafel, die ausgestopften Kakadus, die Enten hochkant, bemalte, offen, radberaubte, türlose, über und untereinander im Hinterhof in wild wachsendem Holunder – auf die war ich schon hingewiesen worden: auf „die Enten-Installation“, hatte aber mit präparierten Vögeln gerechnet. Stattdessen waren es Autos in allen Lebenslagen – scheinen sich zu vermehren, sich aufzubäumen, zu zerfallen: bemalte Türen vereinzelt, wie ausgerissene Flügel. Halbe Ente. Wieder zurück, im Kneipenraum (Fahrradklingel am Tresen, damit man den Mittelalterliche heranklingeln kann, weil der noch herumwirbelt) ein Bier gewählt. Wurmbier. Man riet dazu. Die alte vergilbt-gebe Telefonzelle, die Wolkennacht über dem Biergärtchen, Nacht mit halbertem Mond hinter den ziehenden Schwaden, die Leuchtfarbenpunkte an der Seitenbaufassade – giftiger Sternenhimmel, die an die Wand gemalten Bierflaschen… Fragte mich aber die ganze Zeit, wo das Konzert denn stattfinden würde, wie sollte ein „Saal“ in das Hexenhaus passen? Dann drinnen die engen Stiegen hoch, an welligen Fotos vorbei, an Jahren von persönlichen Kult-Konzerten, handgeschriebene Release Ankündigung eines 26. Oktobers – nein, durchgestrichen:  24. Oktobers einer fernen Zeit!  Dann der Saal. Holzgebälk unter er niedrigen Decke. Auf der Tanzfläche steht TANZ, daneben steht ein Strohhut fürs Geld. Man geht hin und gibt, aber er geht später auch rum. warum tanzt keiner? Warum sind hier keine jungen Leute (abgesehen von den Musikern)? wie kann man hier nicht sein? Die Vorgruppe in den halben Hosen, in halber Besetzung, nicht ganz so gut, aber sympathisch. Immer bedanken sich die Musiker, „dass da doch einige Leute gekommen sind!“ obwohl fast kaum welche da. Im Garten sitzen die meisten, weils Innen zu laut ist. Der niedrige Saal platzt dafür musikalisch aus allen Nähten. Der Mittelalterliche hüpfte noch schnell hinzu und startet den kontinuierlich blinkenden LEDdiscokugelersatz. Die Strandtücher an den Wänden zur Dekoration oder für den Klang? und trotzdem funktioniert das alles! Die Summer aller Teile, aller chaotisch-phantastischen Kleinteile ergibt ein großes Ganzes auf gedrängtem Raum. Die nahen Musiker, die Hauptband Dodgson, deren ersten Takte schon elektrisieren, präziser starker Punk-Rock, auch zartere Töne, dann wieder stark und brodelnd, auf Messers Schneide. Pulsierend, puckernd. Der Sänger/Gitarrist mit den Augen zu… kannte den Ort, stammt aus der Gegend,  Bassist war Schwede, Schlagzeuger auch , ich sah ihn nicht, er war ausserhalb der LEDs und trotzdem unsagbar präsent, Schlag auf Schlag. Weit weg. Total nah. Ein unglaublicher Ort. Band Dodgson

Ziehe Aspirin in Erwägung (Natürlich nur, um Windsbacher Einzelhandel und heutige Apotheker zu unterstützen (vgl. 2.6.)…

 

 

 

 

es ging ohne Aspirin, aber ich erwarb eine Zahnbürste.

Gottesruhkapelle. Der Junge im Roggenfeld wogte zwischen den Ähren, mit den Händen darüber wegstreifend. Sah aus, als spielte er ganz so für sich, tauchte unter im Feld, verschwand, rief dann laut wie ein ertrinkender „Mira“ – er suchte seinen Hund, der im grünen Meer abhanden gekommen war.

Galgenberg? Ist das der Galgenberg? Funkturm. der Ansbacher soll nur um weniges höher sein, aber er wurde später erbaut un natürlich wollten die Ansbacher den höhreren haben.

In den Brennesseln verlaufen. Wenn man die Luft anhält brennen sie nicht hieß es früher immer. Immer bezweifelt, dass es hilft. Seltsamerweise tat es das jedoch. Schlug mich in den Wald zum Hohlweg. Abgesägter Baumstumpf, dessen Wurzeln emporragten aus der Erde sah aus wie eine abgehackte Hand, die etwas aufhebt und  es nach oben zieht. – An den Kellern rausgekommen… Männer bauten was auf, luden was ab. Seltsame Blicke, wohl weil ich wie aus dem Nichts auftauchte. An einem der dunklen Büdchen stand in verbleichender Schrift, handgemalt vor langer Zeit “Kellernfestleitung”, als wär’s ein Büro. Unterirdische Gewölbe. Irgendwie ein seltsamer Ort. Galgenberg oder nicht…

Unten, drüben an der Gottesruhkapelle war der Richtwaasen, da wurde gerichtet, auf dem Berg wurde gehängt. (Die, die man mit dem Schwert den Kopf abhieb, wurden gleich auf dem Richtwaasen enthauptet). Der U. als kleiner Junge wiederum kochte hier Pudding in einem alten Ofen, den jemand ins Gebüsch geworfen hatte. Den Ofen nicht gesucht und nicht gefunden.

An der Gottessruhkapelle, das Kreuz auf dem Kirchenschiffdach, da fehlt die Hälfte vom Querbalken. Hätte das  Kreuz einen Jesus, er müsste von alleine den Arm wegstrecken – oder dürfte ihn hängen lassen?

Auf dem Schild an der kleinen Brücke „Fränkische Rezat“ ist das „Fränkische“ heller als die „Rezat“, und klebt recht weit oben am Rand. Vielleicht hieß die Beschriftung erst nur „Rezat“ und ihnen fiel dann später ein, dass es noch eine andere gibt, eine in Schwaben. Abgrenzen. Präzisieren. Wer entscheidet solche Dinge? Wird über so was abgestimmt? Hatten sich die Schwaben beschwert, dass man ihnen ihre Rezat streitig machte? oder wollten die Windsbacher nicht dass ihr Fluss mit dem schwäbischen in einen Topf geworfen werden Welcher hieß zu erst so…?

Den Gedanken unterbrach ein Feueralarm um 11:20.  Die Sirene heulte und die Hunde in den Häusern stimmten ein. Ging dem Ton nach, es war aber nur eine Übung.

Drüben im Rentamt heiratet jemand. (sicher nicht Ursache des Alarmschlagens). Der Bürgermeister  steht im Türrahmen des Rentamts wie der Gastgeber. Standesbeamter. Was für ein schöner Nebenjob! Er sagte, es solle Spaß machen, das Heiraten.  Saal strahlt in Weiß. Die Stühle fürs Brautpaar hätten früher mal Richard Wagner gehört… Jemand mit Beziehungen nach Bayreuth habe sie zur Verfügung gestellt. Irgendwie gefällt mir diese Vorstellung, dass die Leute hier alle im kleinen Detail ihre Stadt mitprägen. Da hat einer noch Stühle vom Wagner im Keller… warum nicht: da könnt man doch ab jetzt  immer die Brautleut daruf sitzen lassen. Schade, dass ich nie heiraten will. (Aber wenn… würde ich eigentlich lieber auf Stühlen vom Gustav Mahler sitzen. Und weil das natürlich nirgendwo im Angebot ist, laß ichs lieber!)

Sitze wieder in der Venetia Eisdiele.

Die Hauptstraße von untern herauf schiebt sich sehr langsam ein alter Mann mit Rollator über das Kopfsteinpflaster – in der Mittagshitze. Immer sieht es aus, als habe er sein Ziel erreicht, er scheint  vor der Sparkasse zu halten, verschnauft nur, rollt weiter. zum Griechen? Doch nicht. In triolischemTakt, stoßweise schieben, schieben schieben, dann erstarrt er. ein freundliches Gesicht, den Mund leicht geöffnet, es ist heiß, es scheint anstrengend zu sein. Raiffeisenbank. Weiter. Konditorei Helmreich. weiter. Zum Brunnen? Der plätschert so üppig, das man Durst bekommt. Jedoch  “Alles Waschen & Einlegen so wie das Trinken mit angespantem Fuhrwerk ist verboten”. Weiter rollt und schiebt sich das Gefährt, bis es beim NKD um die Ecke biegt. Vielleicht geht er einkaufen.

Irgendwie kommt keine Bedienung, aber die Hitze ist so groß (wann kommt endlich das Gewitter?), dass ich mich nicht aufraffen kann aufzustehen. Das Geplätscher von der anderen Seite, der Brunnen vor dem Dauscher-Haus… erinnere mich daran dass die Frau, die darin wohnte als Kind, geschrieben hat, dass sie den Brunnen bis in den Traum hinein gehört habe, ein beständig raunender Zauberton, der nie abriß. Schönes Einschlaflied. Man könnte CDs anbieten. Es gibt sie doch mit Meeresrauschen, Vogelgezwitscher und Walgesang.

Nun kommt der alte Mann zurück, der Rolatoreinkaufskorb ist leer. Langsam geht es über die Straße und er geht in die Richtung zurück, aus der er eben kam, allerdings jetzt auf meiner Straßenseite, ein langärmeliges Hemd in dezentem Muster einer Barocktapete, das im hohen Hosenbund steckt. Versuchen, in einen aufmunternden Blickkontakt zu treten…  auf alle Fälle grüßen!

***

Herr W. hatte vorgehabt, sich bei NKD eine Mütze zu kaufen. Leider hatter er die Öffnungszeit falsch eingeschätzt und war nun unverrichteter Dinge auf dem Rückweg ins Seniorenheim “Phönix”…

Ruhte eine Weile aus im Venetia. nahm gerne Platz an meinem Tisch.

Zwar besäße er eine Mütze, die sei aber eine Wintermütze. Jetzt bräuchte er eine Sommermütze. Blick nach oben zur sengenden Sonne. 83 ist er. fast schon 84. Im Phönix gefällt es ihm nicht, da seien alle “verruckt”. an Batscha hättens dort. – alle!

Alle?

Ja, alle hätten einen. (da lachte er aber, abwinkend, freute sich, weil sein Lachen mich ansteckte. da saßen wir nun im Venetia und lachten über die “Batscherten” im Seniorenheim. Ob er nicht einen Kaffe trinken wolle, fragte ich. Wieder winkte er  ab. Nein, er ginge jetzt in das heim, und trinke lieber ein Bier. (schien mir in dem Moment plausibel, inzwischen bezweifel ich das.)

Wie es ihm denn gefiele dort im Heim…

Na schrecklich sei es. leider hätte er was unterzeichnet. selber Schuld. vorher habe er in der Kolbestraße gewohnt mit seiner Katze. die ist jetzt nach Nürnberg gezogen. seit 3 Monaten lebe er nun bei all den Verrückten.

ich könne gerne mitkommen (“Gängans nur her, kommens nur mit”), er zeige sie mir, die “Verruckten”.

“aber es sind doch nicht ale verrückt, oder?”, schien mir wichtig zu fragen. Er meinte, na ja vielleicht nicht alle, einige würden auch einfach nur die ganze Zeit im Bett liegen und schlafen.  – und sehr viele hätten  dicke Bäuche. “Und dann sterben sie…”

wirklich beklagt hat er sich aber nicht, gejammert schon gar nicht. Seltsame Stärke, lebensbejahender Optimisus.

“Hier kommt wohl keiner?!” stelte er fest und nickte in Richtung Cafe vor dem wir saßen. Tatsächlich saß ich ja nun schon eine ganze Weile ohne Bedienung. Ob man da mal nachschauen müsse,  nicht dass da auch einer gestorben sei. wieder nickt er in Richtung Cafe. Sein schwarzer Humor verschlägt mir die Sprache. Unwillkürlicher Impuls prompt nachzusehen, löst sich dann doch in Lachen auf, seinem: entwaffnendes Lachen. Bleibt nix anderes, als mitzulachen. ich könne einen Kaffee in seinem Heim trinken. und Kuchen gäbe es. und ganz umsonst. –

Hm. klingt nicht so verlockend, ehrlichgesagt.

an seinem Tisch säße sonst immer ein Mann ihm gegenüber, der niemals Lache. Buster Keaton nenne er ihn. den könne er mir dann auch zeigen. ich schwanke. eigentlich klingt es doch alles ganz gut.  (Ich liebe Buster Keanton!) Und ich will endlich Kaffee. ich bin hier, um Geschichten zu hören. warum nicht? Wir gehen, wir schieben in Richtung unteres Tor, dann weiter Richtung Tankstelle (“gängerns nur, ist nicht mehr weit, ich zeig ihnen was” im mitterweile einsetzenden Regen.

die Geschichten waren  Momentaufnahmen aus einem alten Pralinenkasten, schwarzweiße, sepiafarbene mit gezacktem Rand, rötlich-gelbliche aus den 80er Jahren undneuer mit Enkeln darauf. leider keine von WIndsbacher Häusern. Nürnberg. Feucht. Metz. Könissee, dessen tiefes Blau man zu sehen glaubt, obwohl das Bild schwarzweiß ist. ein junger Herr W. mit einer Frau mit Ingrid-Bergman-Lächeln in einem Boot. (“Ihre Frau?” – “Nein, nein, eine gnzlich Unbekannte” – scheint mir nicht ganz aufrichtihe Behauptung!). Herr W bei der BUndeswehr (schöne Zeit. Wachschutz. Immer seine Runden gedreht. Weil Pistole am Gurt so schwer war, diese im Sicherungskasten versteckt und mit leerem Halfter die Runden gegangen. 20 Jahre lang!). STolz auf Ford Taunus. “Buckel Taunus”. STämmiger Vater, winzige Mutter. ein blondes Mädchen mit Knüddel-Zöpfen, das hinter einer Katze hergeht. – dass sei die spätere Messnerin Mutschler. (oder Muschler? Mir war so als hätte ich am Vortag ein Muschler-Grab auf dem Friedhof in Neuendettelsau gesehen). Fremder Leute Leben. Fremde Namen, die ins Auge stechen auf fremden Friedhofen. Draussem ergoss sich nun der Regen in Strömen. Im Gemeinschaftsraum des Seniorenheims, das genauso aussieht wie das meiner “Uri” ist es still. der Regen ruft aber “Ahhhs” und “Ohhhs” hervor. Es gibt Marmorkuchen und süßen Saft. der Kaffee ist dünn. die Pfleger freundlich. ich sehe jetzt ertsmal keine Verrückten (und deshalb bin ich auch – ehrlich wirklich ehrenwort! – nicht hier!). W. gibt zu, nicht alle haben “n Batscha”. der Herr hinter mir im gelben Pullover beispielsweise… “Hochintelligent! – und aus der DDR.” der Mann sitzt aufrecht in einem Rollstuhl, regloses Gesicht, aber hellwach, seltsame Präsenz. Gefühl, als höre er alles, aber zeige keinerlei regung, es könne aber jeder zeit ein Kommentar herausschießen aus den feinen Gesichtszügen – und so ist es auch.  Da erzählt W. gerade von der Bundeswehr. (oder en Gängen zur Schule seiner Kindheit, kilometerweit durch den Wald, Feucht – Rummelsberg?) der andere aber sitzt immer noch regungslos mit dem Rücken zu uns und man weiß nicht genau, wer gemeint war mit “Das haben wir alle schon 1000 mal gehört!”  Buster Keaton ist nicht da. aber einer mit dickem Bauch (“Sehens, was hab ich gesagt….!) kommt. Ebenfalls Rolator – in dem jedoch eine etwas mitgenommene Deutschlandflagge steckt.  im Raum verteilt sitzen die Alten. Frau mit hinreißendem Lächeln, weit hinten eine, deren Stöhnen ich erst für eine Beamtmungsmaschine geahlten hatte. eine Spannung liegt im Raum. Wieder schießt der Hochintelligente etwas hervor, eine Antwort auf ein Murmeln seiner Gegenüber-Tischgenossin. Nicht unfreundlich, nicht freundlich. Die Frau weit hinten am Fenster spricht mit ihrem Ehemann, der nicht da ist. Man sieht, dass sie ihn sieht. Herr W. sieht sie ihn sehen. ich seh, dass er sieht, wie sie sie ihn sieht. fühle mich wie ein ausnahmsweise zugelassener Voyer. Sehen Sie, ich sagte es ihnen: Verrückte! Der Unterschied ist, wenn er das sagt, ist es eine absolut berechtigte notwenidge und erleichterne Mitteilung. die Welt mitteilen, die er teilt. er darf darüber lachen, er darf aufstöhnen über die Batscherten. er weiß, was kommt. ich hab keine Ahnung.

als ich gehe, schon nach drei Schritten aus dem Raum heraus, bricht die Spannung, die im Raum lag zusammen, die Frau mit dem vermeintlichen BLick auf den Mann im Jenseits, schreit auf. wo jetzt ihre Freundin hingegangen sei.

Das war nicht deine Freundin. schießt der Hochintelligente. ich mache mich aus dem Staub.

2.6.

Das Dauscher-Haus ist die Nummer 25. tatsächlich neben dem NKD, aber ich irrte, als ich dachte, der Brunen stünde davor. Das dunkle Etwas in der rechten Ecke  ist ein Kellerfenster.

 

 

Johann Sebastian Bach Gymnasium, um vor Schülern zu lesen. Als der erste Schulgong ertönte zurückversetzt gefühlt in eine andere Zeit. Obwohl das hier keine Alte-Schule-Schule ist, sondern ein weitflächiges heller Bau. Vergessen zu fragen, was es mit dem Steinbecken in der Aula auf sich hat (sah aus wie zum Wassertreten, aber ohne Wasser). Daneben Kunst aus Plastik-Kanistern, aufgeschnitten und ausgestattet zu rätselhaften Puppenstuben. Schön. Muss es dem U. nennen als Grund für die Daseinsberechtigung von Plastik. Überhaupt extrem viele schöne Bilder an den Wänden. Bach, Goethe, Selbstportraits. Schüler und Lehrerin waren freundlich. Befürchtung, dass zu viel geredet, trotzdem gutes Gefühl.

Salat gegessen beim Italiener, der bald schließt. Irrtümliche Annahme, der Mann würde vielleicht gerne darüber reden, aber darauf angesprochen ging er mitten im Satz weg und murmelte „Besser so!“ Eigentlich klar, dass der nicht irgendeinem beliebigem einmaligem Gast (zweimalig, da ich mich noch gut erinnere an den Tag im Sommer im letzten Jahr, als ich auf der Durchreise überrascht hängen blieb in der Stadt. ) zwischen Trinkgeld und Geschirr-Abräumen auf (vermeintlich) rhetorische Fragen zu antworten und sein Leid klagen mag oder seine Erleichterung! Hatte ja auch zu tun, der Mann.

So viele Läden schließen. Das Schuhaus. Der Fristo schließt nicht, aber hat das Konzept Pachtladen abgeschafft. Der Italiener geht…

Abends nochmal in die Hauptstraße gelaufen mit dem Heftchen “Die Straße meiner Kindheit”, um Häuser zu vergleichen. Veränderungen faszinieren, eine klitzekleines bißchen  Kontinuität beruhigt dennoch: die Apotheke ist immer noch eine Apotheke. Las von den Anfängen des Apothekengewerbes (damals allerdings andreswo: “ein halbes Haus in der Kolbestraße, so Marlene Townson in “Windsbacher Geschichten” ), von bettelarmen Apothekern im 18. Jh, die es schwer hatten, gegen obscure Mittelchen von Krämern und Hausierern. Die Leute kauften lieber wilde Mischungen (“Teufelsdreck”), als seriöse Medikamente eines zugereisten Apothekenbetreibers.

1736 hatte man dem ersten Apotheker, der sein Gewerbe in W. ausüben wollte, schon abgeraten “weil er sein Auskommen nicht finden werde” – obwohl (oder gerade weil?) gerade die Blattern ausgebrochen waren. Zu viel “verarmte Untertanen” Seltsam. Hätten die narbengesichtigen Kranken ihm dei Bude eingerannt und dann nicht bezahlt? Erst 1744 versuchte es dann ein anderer Apotheker, der dann doch absprang, ein Pfarrerssohn namens Fürst wollte die Apotheke dann führn, bekam ewig lang die Erlaubnis nicht und hatte dann mehr Auflagen als Gewinn. Offensichtlich war es üblich, dass Amtsvisitationen durchgeführt wurden, für die die Apotheke selbst aufkommen musste. Da kam dann einer, kostete und logierte, prüfte, aß und trank und die Rechnung musste der Apotheker zahlen, den das mehr kostete als er im Jahr einnahm. Ein “Amtskastner” habe jedoch dann bei der Regierung erwirkt, dass man den armen Apotheker die Zahlung erließ.

 

 

 

 

1. 6.

Wieder angekommen. Windsbach. Dass ich da für ganz kurz in die Großstadt getrieben wurde, reißt eine ärgerliche Lücke ins Kontinuum. Habe ein Konzert am Stadtturm verpasst, das ich gerne gehört hätte, schon allein um das Abendrot zu sehen zu Blues und Jazztönen, die alten Mauern, das bißchen Rasen, der schmale Streifen, in der ein Biergarten zu sein scheint, den aber rätselhafterweise niemand betreibt. Schöner Ort für ein Konzert. Soll toll gewesen sein. 80 Leute! Hörte, dass die Musiker hier angefahren kamen in einem Auto das just wenige Meter vor dem Rentamt den Geist aufgab, aber das abschüssige Kopfsteinpflaster ließ sie sachte am Ziel ausrollen.

Poetische Ankunft. Eigentlich müsste man dann bleiben für immer.

Wäre selbst gerne hiergeblieben. Die Zeit rinnt eh dahin. Andererseits kann man wieder ankommen (wenn auch nicht so poetisch-dramatisch wie die Musiker) auf die Stadt zurasen – Die Namen werden vertrauter – die im ferneren Umkreis. Niederwurmbach, Ellingen (der traumhaft schöne Biergarten, in dem man im Gegensatz zu ganz München sogar W-Lan hat), Selgenstadt, Mitteleschbach, dann windet sich der Weg, schraubt sich nach oben und das irgendwie etwas mitgenommene Ortsschild „Windsbach“. Hat einen Schatten. Angekommen.

Zwischen den beiden Toren hängen Fähnchen von Straßenseite zu Straßenseite gespannt. Für Pfingsten? Weiß und rot… – oder waren die vorher schon da?

Venetia. Nun aß ich doch so ein „Unverfroren-Lecker-Eis“ (gestoßenes Wassereis mit Farbstoff). Hätte lieber eins bei Helmreich gegessen, aber da kann man nicht sitzen. Wahnsinn auch hier hat man Netz! Ansbach freifunk net! Unglaublich. Man muss gar nicht an der Ecke des NKDs stehen.

Schräg gegenüber im Fachwerkhaus mit dem Erkertürmchen hat also Goethe mal gegessen. Zur Sonne. Die Sonne ist eine Scheibe und hängt noch dort. Aber es ist jetzt ein Grieche drin. Helios.Viele Griechen in alten Gaststätten. Überall. Griechen sind die Italiener von gestern. Der gegenüber vom Dekanat soll schließen. (soll natürlich nicht, aber schließt. Schade).

Grieche heißt nicht Helios, hatte mich verlesen. Er heißt Ilios. Der in Neuendettelsau heißt zum Fessla. Ich glaube, es ist der einzige Grieche auf der Welt, der nicht nach einem griechischen Gott oder einer Stadt bekannt ist. […]

31.5.

Tag gestern in Berlin weitgehend damit verbracht die Spülmaschine auszuräumen, einen Kosmos zu beseitigen, der entstanden ist, wenn man vergisst sie einzuschalten und dann zwei Wochen weg ist.

[…]

30. Mai

Berlin. Beinahe schlaflose Nacht im Bus. Nürnberg, Bayreuth. Berlin. für einen Tag. Irrsinn. Morgen Nacht wieder zurück. Idiotie. Was man nicht im Kopf hat, hat man in den Beinen. (zwar tragen sie einen nicht nach Berlin, man wird ja gerollt, aber man muss sie übelst einzwängen zwischen Rucksack und Vordersitz). Flucht in den Traum: ich sitze im Bus übelst eingezwängt zwischen Rucksack und Vordersitz. Allerdings Verbesserung im “Wo”: Fahrt von Italien nach Kroatien über Vancouver. Schönere Landschaft vor Fenster.

[…]

28. Mai

Immer dieser Überschwang. „Wieder evangelisch werden…“  Was zieht da so… Und nun ist auch noch Kirchentag!vielleicht sollte ich erstmal der Sache auf den Grund gehen, warum ich denn (15 Jahre alt war ich damals) aufgehört hatte in die Kirche zu gehen? Dem Kinderglauben entwachsen? – Erinnere mich an dreierlei.

  1. Grund. Scham darüber, weil ich die bei der Kinderbibelwoche einstudierte Orffsche-Instrumente-Musik-Einlage, die wir im Gottesdienst im Anschluß an die Predigt spielen sollten heimlich hatte aufnehmen wollen, aber (bereits vor der Predigt!) statt auf Rec auf Play gedrückt hatte und die eigentlich zum Löschen freigegebene Kassette (Dschungelbuch) lauthals durch die Kirche dröhnte. Probiers mal mit Gemütlichkeit. Ich bin der König im Affenwald und so. Am Xylophon erstarrt. Besitztum des Kassettenrekorder  vermeumdet (wohl an die drei mal), als sie ihn mir nachher zurückgeben wollten. hab mich so sehr geschämt, dass ich nie wieder hin bin.
  2.  Grund. Pfarrers zogen weg.

  3. Grund. Kirche wurde verkauft und abgerissen zu Gunsten der Neubebauung mit Mehrfamilienwohneinheiten.

    Also Scham, Familienangehörigkeit und Desillusionierung. Ersteres war aber der Hauptgrund, der dritte Grund freilich ist ein guter.

    Fakt ist: Menschen, die wirklich glauben, berühren mich. Und wenn sie dann noch singen, oder inbrünstig beten…  Das Gefühl  letztens aber auch empfunden inmitten von betendn Juden an der Klagemauer und wochen später im Gazastreifen, als zunächst die Hähne krähten, dann die Stimme des Vorbeters aus dem Lautsprecher der Moschee knarzende und dann von allen seiten Menschen ins Morgegebet (um vier uhr früh!)  einstimmten. jeder für sich, nah und fern…

    ***

Die Eltern besucht in der Nähe von München. Kein Netz. 2 Tage weg von allem. Auch von Windsbach. Das Stadtbild anders vor Augen gehabt Dank Lektüre “Die Straße meiner Kindheit”. Aufzeichnungen einer Windsbacherin, geboren 1917, die sich an ihre Kindheit erinnert, an die Straße zwieschen den beiden Toren, die Leute, die damals in den Häusern lebten. Bäckerei, zeitweilig Cafe, auch Likör wurde destilliert. Ist das das Haus, in dem jetzt der NKD ist? – Nein, es müsste das daneben sein. Es hat den Brunnen davor. (Der NKD hat dafür W-Lan. – es hatte ein bißchen gedauert, bis ich das herausgefunden hatte: ich saß in der Venezia Eisdiele und starrte immer zu auf das Haus vor dem – irgendwie  komisch – Leute herumlungerten. Üblem Vorurteilsdenken anheimgefallen und gedacht, der dunkelhäutige Mann, der da so lange stand, würde möglicherweise Drogen verticken – und dann abgelöst werden von einer  jungen Frau, die auf Kundschaft zu warten schien (und zur Tarnung mit dem Handy herumfuhrwerken). Verdammt! Anders denken! Unschuldiger werden. Und die Straßenseite wechseln. Da die Venezia Eisdiele kein WiFi zu bieten hat.)

[…]

27.5.

26. Mai

Der Tag beginnt mit einer Korrektur. Der U. hat gesagt, er hätt nicht gesagt, dass der Dorschner die Linde abgeholzt habe, sonern die Linde (die vor des Dorschners Gasthof gestanden hatte unter anderem zur Zeit, als der Goethe an die selbige sich erbrach, sei später entfernt worden: Weihnachten 1992, da hätte jemand gezündelt.

Vor dem Friedhof sprudelte eine Quelle, glitzerte in der Morgensonne, war aber ein Wasserrohrbruch. Schöne, fröhliche Frau mit Kinderwagen grüßte und plauderte, wir stimmten darin überein, dass es schön aussah. andere Frau kam hinzu, klagte über abgestelltes Wasser.

Gehaltvoller Tag. schöne Begegnungen. Ansichten. Austausch. Determinismus erklärt bekommen vom Dekan (muss aber noch drüber nachdenken), wenn man ihn hört (auch so), möcht man (ehrlich!) sofort evangelisch werden. NAnnte die Stadtkirche “seien Margaretha.” Sakristei hat kleinen AUsguss, da hat man früher den Rets vom Messwein hineingeschüttet und den Kirchhof mit Alkohol getränkt. Davon werde ich heute träumen.

Wandgemälde in der Gottesruhkapelle später vom Lechner. Erstmal nur so viel: meine Eigeninterpretationen bisher weitgehend alle falsch, aber das war ja eigentlich auch klar (z.B.. dass da keine Hundehütte abgebildet ist!).

Weitere Einblicke heute nachmittag Dank Besuch bei den Lechners: Die Dorschners (bzw. damals Fischers) hätten nicht nur damals die Linde nicht abgeholzt, sondern außerdem eine andere gerettet. Es gab nicht nur eine Goethe-Linde, sondern auch eine Hitler-Linde, die nach dem Krieg von den Amerikanern gefällt werden wollte. Soll jemand aus dem Hause Dorschner rausgestürzt sein, und drum gebeten haben, den Baum nicht zu fällen, da dieser ja nix dafür hat können, daß man ihn zu Ehren des Führers benannt habe – was den Amis dann auch eingeleuchtet haben muss, weil sie davon abließen.

Der Stumpf der Goethe Linde wiederum steht fast am Internat, also nicht direkt vor dem Gasthof Dorschner (und Goethe soll auch weiter unten (“zur Sonne”) eingekehrt gewesen sein, also das Essen dort (heute ein Grieche) nicht vertragen haben, was wiederum auch nicht erwiesen ist. Laut des Buches “Windsbach” von Karl Dunz – das hat der Lechner mir geliehen), soll Goethe auch nicht erbrochen, sondern gehalten haben weil er ein Haus hatte zeichnen wollen. (wer weiß!). Lechner jedenfalls weiß auch, wer die Linde dann  (also 1992) angkokelt hat: die Internatsknaben waren es, weil sie im hohlen Baum heimlich geraucht haben. Dass man den Baum gleich hat fällen müssen! Da hat die Stadt wohl all zu schnell eine Motorsäge ausprobieren wollen. Man hätt ja bis zum Frühjahr warten können, vielleicht hätte sich die Linde ja erholt.

Der Lechner übrigens glaubt nicht an den Geheimgang von der Gottesruhkapelle zur Wallbergkapelle: Erstere stünde auf sumpfigem Boden, getragen von aufgeschütteten Steinen und Balken. Kein guter Boden für einen Tunnel. – Nun könnte man argumentieren, dass dadurch vielleicht das Graben um so leicher gegangen sei. und vielleicht der Gang auch deshalb  eingestürzt ist…  und deshalb findet man ihn nicht.  Außerdem war Frau Lechner wiederum anderer Meinung. Hat als Kind noch in Mitteleschbach das entsprechende Gegenstück des Ganges in der Wallberg-Kapelle gesehen. Zugemauert zwar, aber durchaus vorhanden. Und: es wär ja ein blöder Geheimgang, wenn er so offenkundig – sichtlich wär!

in der Mittagshitze in der Sonne lag am Wegrand ein toter Maulwurf. Es gibt unterirdische Gänge!

[…]

25. Mai, Himmelfahrt / Herrentag – Auch Frauen mit Getränken unterwegs. diese im Münster Heilsbronn

Windsbacher Knabenchor singt  im Gottesdienst. Flohmarkt in Neuendettelsau. Internatsfest. und die Bienen feiern (oder deren Züchter)

***

Ich bin zu früh zur Stadtkirche, überschätze immer noch die Wege. Über die große Straße, rein in den Kopfsteinpflasterweg, an dem überwucherten Haus vorbei, dessen Ranken aber kein Grün treiben und deshalb wie unrasiert aussieht, an einem Bäcker vorbei, der wohl keiner mehr ist. über das gewölbte Brückla – auf der anderen Seite könnt man ein Grundstück erwerben und Haus für nicht soo viel, aber doch zu viel €uros, und weiterhinten behauptet eine Baufirma, dass hier mein Traumhaus gebaut würde… dahin nicht einbiegen, sondern weiter durch das Stadttor… – und da hörte man dann schon den Gesang.

Um die Kirche rumgeschlichen, erst erschrocken: dachte, ich bin doch zu spät. Aber sie gingen gerade die Lieder durch, vorab. Die völlig unbekannte, unsagbar zarte Musik! Der Nur-Mal-Eben-Gesang. Unerhört schön! Die Alltäglichkeit des Morgens: eine Amsel isst einen Apfel neben den überquellenden Mülltonnen. Aus einem Fenster starrt ein Mann auf die Kirche, aus der aus allen Ritzen, Ecken und Enden und drei Türen die zarten und doch übrschwenglichen Stimmen, auch Ältere.klingen und zwischen altem Mauerwerk und heimlichen Ohren hängenblieben. Zum Heulen schön. Bin froh, dass ich zu früh war. Morgenandacht vorab. Unbekannte Weisen. Der Tag fängt gut an. Sehnsucht.

Der Gottesdienst dann auch sehr schön. Pfarrer weiß, wie man Leute anspricht. Frei und sicher. Sehr sympathisch. Es ging um nicht eingehaltene Versprechen. Kinoverabredungen, Grillen ohne Fleisch Gott und Israel am Sinai.

Abendmahl mit… Apfelsaft? Und eben der wunderschöne Gesang. Immer wieder.

Links von mir an der Wand ein Bild von Luther, Über mir an der Wand seine Schuhe… gleichen denen die ich gerade bei Ebay erstanden habe, weil ich vergaß mir welche einzupacken für den Frühling. Unter mir an der Kirchenbank Zeichnungen ins Holz geritzt oder mit Kugelschreiber: Frau mir spitzem Hintern und sehr großem Busen. Eine Bank weiter steht zu lesen, das der Peter B. seine Schwester geärgert hat. (aber das las ich als alle (alle außer dem U.), auch noch der Knabenchor und auch noch Dekan, Pfarrers, Küster und sonst  das Abendmahl nahmen. Logistische Höchstleistung! Während der Predigt hörte ich zu.

Beim Imkerfest einen älteren Herrn wiedergesehen, Herrn F., den ich auf der Orchideenwanderung kennengelernt hatte. Er hatte gedacht, ich hätte hier vielleicht eine Anstellung gefunden am Internat, weil er mich dort gesehen hatte beim Fest, als ich in der Mensa aß und mir vorstellte, wie es hier gewesen sein muss, wenn man als Kind hier zur Schule geht. Nein sagte ich, ich hätte hier zwar gewissermaßen einen Auftrag, aber nur für einen Monat. Und nicht beim Knabenchor.  Als ich erwähnte dass ich am morgen den Wndsbacher Knabenchor in der Kirche  gehört hätte, fragte Herr F., mich, ob ich mir den Jesus am Kreuz angeshen hätte. dies hatte ich alleridngs. es führt ja auch kein Blick an ihm vorbei. ein sehr präsenter Jesus. Ich sagte, dass mir aufgefallen sei, dass er anders als sonst zwei Nägel, je einen durch jeen Fuß hätte und sehr aufrecht hinge… – “Ja,ja aber lebt er noch oder ist er schon tot”, wollte Herr F. wissen. Er sei mir eher lebendig vorgekommen. fast provokant aufrecht, die Arme ausgebreitet wie zum willkommen, der Kopf nicht seitlich weggeknickt. Fuchs triumphierte:  sehen Sie! dabei hat er doch schon die Wunde in der Brust, ist also tot. Und trotzdem lebt er. – es schien als freue er sich über eine Art Anschlußfehler. “Aber vieleicht ist das die Aussage: Jesus lebt!?” Herr F. winkte ab. Und sofort kam ich mir vor als hätte ich mir da was zurecht geredet. Um abzulenken, erwähnte ich das Münster zu Heilsbronn. da war ich gestern gewesen. Und da haben sie nämlich einen Jesus, der hat Haare! “Echthaarchristus” nennt man ihn. steht auf der Postkarte. sehr gruselig (Aber ist das nicht immer irgendwie gruselig? Man stelle sich mal vor, irgendwelche Außerirdischen kommen und studieren Kultur und Religion Bayerns, die müssen doch denken, dass das ein ganz perverser Splatter-Kult ist, der seinen Gott im Abendmahl verspeist und ihn an jeden Feldweg auf die Folter spannt und (immer wieder!) ans Kreuz nagelt (Der U. meinte: und oftmals seien das gar keine Nägel, sondern Spaxe!) – ich weiche vom Thema ab. denn Zittermänner hin oder her, der Jesus in Windsbach ist stark. nicht so leidend. oder doch: leidend, aber nicht demnstrativ. nicht am ende und ohne jede Schuldzuweisung. es ist eher etwas wie “Da habt ihrs. gern geschehen.” Mehr noch interessierte michg aber, ob Herr Fuchs sich möglicherweise an das Gespräch mit den Frauen aus Wolframs-Eschenbach könne. Habe ihn nach dem unterirdischen Geheimgang gefragt. Er lachte auf, aber mit einem träumerischen Blick, und sagte „Legenden…!“ Er sagte es so, dass ein Hoffnungsschimmer blieb. Ob er sich daran erinnere, fragte ich, dass die Frau bei der Einkehr im Rezatgrund eine Tante in Mitteleschbach erwähnt hätte, deren Keller einen Zugang zu jenem Gang böte, oder einmal geboten hätte, nun aber verschüttet sei?

„Nein…“, daran könne er sich leider nicht mehr erinnern. Zu dumm. Schade. Aber er werde mal nachfragen, wenn er die Damen wieder einmal sähe. Er zeigte mir stattdessen ein Buch aus dem Jahre 1909 über Baumschnitt.

Wichtige andere Erkenntnis Dank der Imker: die Leute sollen nicht immer ihren Rasen, die Bauern nicht immer ihre Felder ganz abmähen, sondern auch was für die Bienen stehen lassen in Blüte. Und wer sich schämt, weil er denkt, dass der Nachbar denkt, dass der Nachbar da sein Grundstück nicht pflege, der solle ein Schild dran machen , das besagt, dass das seine Richtigkeit habe.

Außerdem erfahren (aber nicht von den Imkern, sondern vom U.), dass Goethe einst durch Windsbach kam und im Gasthof Dorschner abstieg (oder speiste). Er habe sich dann später an die Linde vor dem Gasthaus erbrochen. Die Linde gibt’s aber nicht mehr, weil der Dorschner die Linde abgeholzt hat. (Obwohl oder gerade weil Goethe dran gekotzt, habe ich nicht verstanden)

Bin mir so gut wie sicher, dass auch Kleist hier durch gereist ist. aber was den angekotzt hat, hat sich keiner gemerkt.

24. Mai

Burg anschauen in Schwabach. Film in Neuendettelsau. Fleisch beim Rosenberger (kaufen, nicht anschauen). Mehr Häuser fotografieren.windsbachhaeuserkleinmehr Häuser fotografiert.

Schwabach.

Hier gibt’s gar kein Schloß…!  Alter Mann, den ich fragte, sah mich an, als hätte ich ihn nach dem Weg zum Mond gefragt. Verweist mich nach Abendberg. oder die Burg in Nürnberg, ob ich die meine? will mich nach Nürnberg schicken. Das sei nicht so weit.

…Und hats nie gegeben!, sagte die Frau im Buchhandlungs-Cafe, nahe am Marktplatz.  Passage im Innenhof. In dem kleinen Lese-Cafe standen Feldblumen im Einweckglas. Dachte ich müsse die offensichtlich umme Frage doch rechtfertigen.

Im “Käthchen von Heilbronn”  Kleists Mittelalter-Märchen-Stück, sei ein  Schloss zu Schwabach erwähnt. Hätt ja sein können das es eins gibt. Käthchen ist ein bürgeliches Mädchen aus Heilbronn (im Kleist Archiv Sembdner Heilbronn war man aber der These nicht abgeneigt, dass Kleist, dessen Szenario soweiso ziemlich bunt zusammengeschustert ist, möglicherweise auch an Heilsbronn gedacht haben hätte können, zumal er in der Gegend um Ansbach unterwegs war (Im Gegensatz zum Schwäbischen, das er wohl nie besucht hat)… – also Käthchen ist die Tochter eines Waffenschmieds, und beginnt obwohl immer brav und gehorsam durchzudrehen: rennt einem Ritter, der sich in der väterlichen Schmiede seine Rüstung reparieren läßt, hinterher. Komme was wolle. der Ritter, dem das Verhalten der Stalkerin peinlich ist, geht sogar vor ein Fehmegericht deshalb… was auch immer er macht, immer ist sie zur Stelle, rettet ihm sogar das Leben, er prügelt sie stattdessen davon. Am Ende heiratet er sie doch, worauf sie in Ohnmacht fällt und in eben diesem Zustand und auch weil sie sich inzwischen als ebenbürtig erwiesen hat, weil sie nämlich eine uneheliche Kaiserstochter ist und vom leiblichen Vater außerdem noch dieses vermeintliche Schloß und eine Adelstitel erhält, vor den Altar geschleppt wird. ein quasi Happy End. oder auch nicht.

Möglicherweise alles leere Versprechen, die der Kaiser dem Käthchen gab. Typisch Politiker. „Kriegst die Burg in Schwabach!“ – Und dann gibt’s da gar keine. Das frisch vermählte Käthchen mag mit ihrm Ritter angereist sein ins Fränkische und stand dann da mit Sack und Pack… – nix!

Dafür gibt es “Gott im Park”. Wenn man dem Plakat glauben schenken darf.

Aber einen Brunnen gib es mit Nixen, die haben zwei Fischschwänze, die schlängeln sich über die Steine am Brunnen, das Wasser flirrend und wabernd leuchtet auf ihren Wangen. „Da quillt es wieder unterm Stein hervor…“ sehr ungewöhnlich.

Was haben sie hier mit dem Gold. Goldenes Dächlein am Rathaus, innen am Tourismustresen goldene Bonbons. Auch da weiß man nix von einem Schloß oder einer Burg. aber ich soll den Herrn aus dem Archiv fragen, der sei ein wandelndes Lexikon. leider nicht da. stattdessen schlug die Frau selbt in einem STadtlexikon nach und fand dann doch etwas, das man als Schloß hätte durchgehen lassen können:

Unterreichenbach, ein Stadtteil von Schwabach hatte mal ein Schlösschen, das Kleist, auf der Durchreise durchaus hätte sehen können. Ein zugezogener Österreicher hatte ein im 30jährigen Krieg verödetes Gut erworben und zum Adelssitz umbauen lassen. (Kennt man ja!) So sehr viel her scheints nicht gemacht haben. 1762 hats ein Schuster gekauft und dann unterteilt und teilweise veräußerte. Im Prinzip übernahmen also tatsächlich Bürgerliche Handwerksleute den Adelssitz. 1967 wurde es wegen Baufälligkeit abgerissen.

Sonne kommt heraus und läßt die Goldschriftzüge aufleuchten. BIn immer noch im Lesecafe. Dann H&M.  nichts gefunden. Aber in Umkleidekabine neben mir unterhielten sich zwei junge Mädchen.

„Das Kleid eben hat mir sehr gut gefallen“, sagte die eine mit silbriger feiner Stimme, sehr bedacht und Wort für Wort, redlich bemüht um die rechte Aussprache. Die andere schwieg, erwiderte dann aber schließlich: „ja, schon, aber es steht mir nicht.“ Stille. Raschelnde Kleider. Knöpfe. Kichern.

„Wann ist Sommerparty?“, fragte das Silberstimmchen.

„Wenn warm ist!“ – wieder Stille. Seufzen.

„Also nie!“, sagte die Silbrige mit Wehmut in der Stimme „nie in Deutschland.“

RETZATGRUND

Kuckuck rief nur sieben mal.

Wohin ging dein Schritt und wann?

Gras darüber wächst in hohen

Wiesen und der Bach darin schien schal.

Kaum zum Bett gekommen, lieber

in die Nesseln setzen, einer Sache

auf den Grund gehn. Gelben Blüten-

schöpfen geht die Puste aus, und über

all: greise Löwenzähne fallen

mit dem Wind kaum ins Gewicht

über alle Welt – auf wieder Weh

und der stille Bach trägt nur ein „T“

23. Mai

Keine Ehen! sehr windige Vögel, die Kuckucks. Die Kuckucke? Wikipedia spricht von Promiskuität. die Frauen haben ihr Revier, die Männer auch, jeder macht sein Ding. Und keine Zeit zum Brüten haben die, weil sie sich dafür lieber länger im Süden  sind (oder umgekehrt, weil sie das tun, habens ie keine Zeit zum Nestbauen und Selber-Brütenda – die Fachwelt ist dich da nicht so ganz sicher).

Hatte überlegt, heute die Frau aus Wolframs-Eschenbach zu besuchen, sie hatte mir ihre Adresse gesagt, leider hatte ich da zu viel Bier getrunken und trotz zweimaligen Nachfragens (damals) ist der Straßenname nicht hängen geblieben.

Wäre nett, hier jemanden zu besuchen. Auch das, was sie gesagt hatte über den Geheimgang, der zur Gottesruhkapelle führen soll, am Keller ihrer Tante vorbei, läßt mir keine Ruhe. Habe jetzt nämlich nochmal nachgelesen: EIn Geheimgang ist tatsächlich erwähnt in dem Heft über die Kapelle. Eingestürzt wird er wohl sein, verschüttet und man hat ihn (jedenfalls laut Heft von 1983) nie gefunden. Der Gang führte wenn dann nicht nach Wolframs – sondern nach Mitteleschenbach. Vielleicht wohnte ja die Tante der Frau dort. Das ist auch naheliegender, es wären ja sonst schon an die 9 Kilometer Tunnelarbeit. Der Gang führte natürlich nicht explizit zu jener Tante, sondern zur Walburgkirche. Vielleicht gabs ja kleine Abzweigungen und Haltestellen zum Zusteigen, zum Auftauchen, Luftschnappen und auch aus Sicherheitsgründen…                                   Es ist wohl eine beliebte Pilgerastrecke gewesen (und ist es noch?) Windsbach-Mitteleschenbach (überirdisch). In dem Heftchen über die Kapelle (Altmann, Hermann: “Die Gottesruhkapelle in WIndsbach und ihre Fresken”) stolperte ich über ein altes Dokument aus der Zeit des Bildersturms: Da nahm man sich etwas zurück mit Prozessionen von W. nach M. weil die Protestanten da wohl gerne rumpöbelten:

“Wirst auch finden, daß man zu unsers Herrgottsruh nach Windsbach mit dem Kreuze wie nach Steinberg gangen sei, aber anjetzo ist zu fürchten, die Lutherischen möchten an unsern Fahnen scheu werden, teils nit ratsam, möcht einem Spott widerfahren…” (Handschrift im Diözesenarchiv Eichstätt, Reg 92)

Na, so lang sie nur spotteten… vielleicht sind die Katholiiken ja dann unterirdisch gepilgert und haben ihr Kreuz  durch den geheimen Gang geschleppt….

Unvorstellbar, dass das alles einmal Wirklichkeit war.

***

Zwischen Mitteleschen- und Windsbach einen schwindelerregenden Schreibtisch gefunden. Hochsitz am Waldrand unter Eichenlaub. Felder, Wiesen, Grillenzirpen. eine Kreuzspinne beginnt augenblicklich damit, an meinen Motorradhelm herumzuspinnen. Mitbringels-Croissants, die für den Besuch beider  sogenannte finsteren Uta gewesen wären alleine aufgegessen. Dieselbige war nämlich nicht da. Das Haus gefunden, aber niemanden angetroffen. – Das macht man ja auch eigentlich nicht: Leute besuchen ohne Verabredung. Höchstens in der DDR ging das. Wie find ich jetzt diesen Geheimgang?

„Frag den Lechner“, sagte der U. “Der kennt sich aus.

22. Mai

Mein Freund sandte mir link zu einem Motorrad-Kommunikations-System.- es kostet 47 € und man könnte dann Ende Juni beim Motorradfahren nach Italien gemeinsam eine Musik hören oder sich unterhalten, so von Honda zu Honda. Ein Kommunikations-System…  47 € – wenns was bringt…!

Sitze oberhalb des Kleinbrombacher Sees. Da haben sie eine Bank hingesetzt. Neben dran hängt ein abgeblätterter Jesus am Kreuz und leidet und man selbst darf auf einer sitzen die so ausufernd ist, dass es fast eine Liege ist. Blick runter auf Dörfer am Hang, was für ein wunderschönes hügeliges Land. Wie Toscana, aber in grün. Grillen zirpen, Vögel zwitschern.

Kuckuck sag mir doch, wieviel Jahre leb ich noch?

Leider Funkloch.

Frage mich, was Kuckuckseltern machen, wenn sie ihre Eier in fremde Nester gelegt haben tun mit der erschlichene Freizeit. Verbringen die die gemeinsam? Oder zerbrechen die Ehen erst recht? machen sie sich dann einzeln auf und davon, genießen die Kinderlosigkeit und machen ne Sause?

21. Mai

Viele Irrtümer – Wolframs-Eschenbach hieß früher nicht Eschenbach, sondern Obereschenbach. die weißen Lilien in der Kapelle waren für eine Hochzeit, aber sie hingen auch noch während des Gottesdienstes. Nach dem Gottesdienst war eine Taufe. als man die Kapelle verließ stand die Tauf-Familie schon bereit und scharrte mit den Hufen. Frage mich, ob das die Familie von dem Jungen war, der immer älter als sein Cousin sein wird. ich hatte ihn gestern noch sprechen gehört, nicht gesehen.

Der G. hatt mir gestern erzählt, dass es zum Lutherjahr auch einen Playmobil-Luther gibt. viel Rummel, viel Geld.

 

20. Mai

Schweißgebadet erwacht aus wirrem Traum einer Flucht: ich rannte durch gelbe Felder von Raps, unanständig riechende Blüten peitschten meine nackten Beine und ein Schwarm Bienen war mir auf den Fersen. Obwohl ich in die entgegengesetzte Richtung wollte, musste ich tief ins Feld, in dem noch mehr Bienen zu der Wolke stießen, die mich verfolgte.  Hätte mich gerne fallen lassen, aber die Bienen trieben mich aus dem Feld. Hinter dem Feld endete die Natur, das Dorfleben, die Kleinstadt und ich rannte die Straße weiter ins Großstädtische hinein. Die Bienen waren verschwunden (klar, die haben in den Städten nichts zu suchen, in diese gehören allenfalls die Wespen!), aber meine Beine rannten weiter, ich befand mich offensichtlich auf einer viel existenzielleren Flucht. Es ging durch eine Autowaschanlage, allerdings ohne Wasser. Ich dachte erst “Ein Glück!”, aber jemand lachte und frug hämisch, ob ich noch nie etwas von Trockenshampoo gehört hätte. Es juckte in den Augen. Ich lief weiter, an Wolkenkratzern vorbei, einige sahen aus wie der geplante gigantische Waterfront-Tower der Stadt Belgrad. Einzustürzen drohte er, sah aus wie ein Baseballschläger. In einem Zeichentrickfilm hätte sein Fall mir eins über den Schädel gebraten. Im Traum hörte ich nur ein Klirren, weigerte mich aber, mich umzusehen (aus Angst in Scherben zu treten). Jetzt lief eine Horde Protestanten hinter mir her. Sie hatten aber nichts mit Religion zu tun, schrieben sich mit „th“ und ärgerten sich über meine schlampige Rechtschreibung. Ihre Holzbeine hallten über dem Asphalt. Sie waren schnell, während ich immer langsamer vom Fleck kam. (Daher überholten sie mich und ich musste feststellen, dass sie eh hinter etwas ganz anderem her waren). Die Stadt war eine wabernde Grauzone; wie in Watte gepackt und in Zeitlupe bewegte ich mich auf der Suche nach einem Zufluchtsort… endlich fand ich das Kino: Kino Babylon, das in Berlin-Kreuzberg. Der Traum endete im Kinosaal, genau da wo der Film beginnt…

Vortrag vom Vortag (Abgeordneter der GRÜNEN über die EU. Nett dass man einen Vortrag hört beim Bier trinken im Wirtshaus) Viel gelernt über die EU. Wirtschaftlich gibt kein Zurück. Keinen Ausweg. Es könnte einem Angst machen, aber Wenn man es hinnimmt, ist es vielleicht auch wieder gut. Beruhigend. Klar. EInsicht in die Notwendigkeit… – Wie mit dem Determinismus und der Freiheit bei den Prädistinierten Protestanten!

Ebenfalls gelernt: ein Saures ist ein Radler mit Wasser statt Radler. warum es “Saures” heißt hab ich nicht verstanden.

Nach Merkendorf gefahren, in einem Lokal sitzen gewollt, das aber entgegengesetzt jeglicher Variante der Öffnungszeiten (am Lokal, am Touristeninfo-Aushang) geschlossen war. Durch den Burggraben zurückhgelaufen zum Motorrad. Betteln verboten stand mit Filsstift geschrieben an der Eisentür einer winzigen Werkstatt.

Zeitung gelesen, FLZ: Vor Hundert Jahren hat sich die Stadt Eschenbach in Wolframs-Eschenbach umgenannt. Weil einer nachweisen konnte, dass der Dichter Wolfram von Eschenbach tatsächlich aus Eschenbach ist. Finde ich toll, dass die Eschenbacher stolz sind auf den Sohn ihrer Stadt. Von wegen der Prophet gilt nix im eigene Land! Hätt ja auch sein können, dass denen eine Dichter wurscht ist. (Dass die das damals einstimmig wollten! – Na ja, okay nicht alle: Weil die Ämter da nicht gleich so begeistert waren wegen der Umbenennung, haben die Eschenbacher argumentiert, dass es ja schon so viele Städte namens Eschenbach gibt (anderswo in Deutschland – von den anderen Eschenbachs namens Ober – und Mitteleschenbach ganz zuschweigen). So viel Post tät oft nicht ankommen, wegen der Verwechslungen und dass das sehr ärgerlich sei, gerade jetzt im 1. Weltkrieg!

Windsbach, Venezia Eisdiele.

sehr leckeres Lemon-Pie-Eis, aber mit zu wenig Krümeln.

im Flur rechts links rechts um die ecke zur Toilette: die Werbe-Eiswaffel, ohne Kugeln. Was geschah mit den Kugeln?

“Links rechts links rechts…” sagten auch Kinder an der Hand von Vater beim Überqueren der Straße. “Links rechts links rechts…kommt kein Auto!” und wuselten rüber zur EIsdiele. eins fragte sich ehrlich ergriffen:  “warum rennt man auf der Straße?”             Der Junge hätt lieber ein künstliches slush-eis in blau gehabt statt eines gscheiten. „Unverfroren Lecker“

Gespräch am Nebentisch (anderes Kind):

Erwachsene: „gehst du mit zur Taufe?“

Kind: „Ich WERDE getauft.“

Erwachsene: „Des sagt die Mama schon seit 5 Jahren!“

Stille

Kind: „Werd ich immer älter sein als mein Cousin?“

Erwachsene: „Ja.!“

2. Portion Zitronen-Eis gegessen, diesmal gabs Kuchenstreusel.

Gespräch mit drei Mädchen über verschlimmbesserte Spielplätze. Lieblingsorte und dies und das. Klasse.

Über Traum der letzten Nacht nachgedacht. Prothestanten. Prothes-Tanten. Alte Verwandte mit Gebiss / Krücken / falschen Gliedmaßen?

Nochmal wegen der Bienen. Der U. hatte mir gestern Fotos vom Vorjahr gezeigt: die Bienen hingen wirklich in einer riesigen Traube unter dem Arm des Herrn Jesus!

Und diese Bienen, die vom Friedhof, die seien auch nicht eingegangen, während viele andere Völker, vom Insektenschutzgift benebelt, hätten dran glauben müssen. Klingt das nicht wie ein Wunder? Wäre das nicht was für eine Pilgerfahrt? Herr sprich nur ein Wort…

In der Gottesruhkapelle, weil die Tür aufstand, waren gestern auch welche. Bienen. kein Wunder, dass ich davon träum. Heute sind keine da, obwohl innen weiße Lilien an den Enden der Bänke duften – und am Altar. Für morgen? Für den Gottesdienst?

GottesruhKopfhoerer

Figuren gemalt, auch  wieder alle blond mit bauschigen Pagenkopffrisuren. sieht ein wenig aus, als würden sie Kopfhörer aufhaben.

Abends, Neuendettelsau,

Ich war eigentlich zu müde, aber die Us verlockten mit einem Klezmerkonzert in N. Zum Glück mitgefahren. Langsam rollten wir Parkplatz suchend am Diakonissenfriedhof entlang – liegen da nur Diakonissen? Assoziation von mitternächtlichem Herumgeistern von schimmernden Gestalten in langen silbergrauen Gewändern, tuschelnde Nebelschwaden, zufriedene Wiederkehr aus dem Jenseits für eine Stunde auf Urlaub, ein Schwatz, ein Singkreis… – ganz unevangelische Gedanken. War aber nun mal eh in seltsamer Stimmung. Es ging gerade in Richtung Luthersaal, da ging vor uns ein alter Mann am Stock. Erst nicht gewusst, warum, aber irgendetwas ließ mich aufblicken, die Gestalt ging auch zum Konzert. Das Wort „Alleingang“ gedacht. Musste – vielleicht auch weil hier so viel Evangelisches einen entgegenkommt, an unseren alten Pfarrer denken. Da hatte ich ihn aber schon aus den Augen verloren.

Hatte mir einen Luthersaal als ein hohes Gewölbe gedacht, mittelalterlich, kellerig und mit Tintenspritzern an der Wand, in denen würde eine süd-östliche Balkanband spielen, bis die Wände wackeln würden – aber es war ein heller großer moderner Bau. Natürlich, ein holzgetäfelter 70er Jahre Saal, evangelisch halt.

Konzert großartig. Naja, vielleicht kein Konzert, ein „Aufspielen“, lebendig, bittersüß, mitreißend mit nur drei Musikern, die knallrothaarige Frau mit dem Saxophon, der Mann aus der Südukraine, der das Akkordeon so spielte, als wärs ein ganzes Miniaturorchester, der Trompeter, der sein Instrument wiehern ließ wie ein Pferd, mal gedämpft mal lauthals, schwer und irdisch und dann wieder leicht und sehnsuchtsvoll.

Mitsummen gedurft. Die Musiker haben Ohrwurm ins Ohr gesetzt, der wird so schnell nicht den Ausgang finden aus den Windungen der Gehörgänge und des Hirns.

Dazu der Duft der evangelischen Holztäfelung… Heraufbeschworene Gestalten:

Den alten Mann im Publikum sitzen gesehen. Immer hab ich hinsehen müssen, denn nun, da noch eine Frau an seiner Seite saß… schien das Bild mir noch vertrauter zu sein, hätte die Pfarrersfrau sein können. Wars der Holztafelduft – der auch in unserer Kirche immer in der Luft gelegen hatte, wars die Musik. Die alle Register zieht, alle Schubladen auf , sonstwas an Gefühl an die Oberfäche wühlt. – Aber wär’s so unwahrscheinlich? Vielleicht ziehen alle Pfarrers gen Neuendettelsau im Alter, wie die Zugvögel gen Süden?

19. Mai

Gottesruhkapelle, gezeichnet: freundlichen Löwen mit Flügeln. Einen Gelehrten mit Heiligenschein der eine Schrift hält in der einen Hand, und mit der anderen einen von zwei neben ihm stehenden Männern am Ohr zieht, vielleicht weil dieser nicht zuhört.

Lowekoenig,ohrchor

Vortragender gestern hatte niemand am Ohr ziehen müssen. Stark. Alle interessiert. Offizieller Titel “Reformationsjubiläum – Was gibt es denn da zu feiern?” Aber immer wieder geht’s um das Thema katholisch-evangelisch. Zu feiern gelte es zwar genau das: Dass die Katholiken endlich nicht mehr so katholisch sind, und ebenso, dass die Protestanten inzwischen auch mal was von den Katholiken abgucken (Eucheristie statt  Abendmahl?)  Evangelishe Frau (die waren natürlich alle Evangelisch, außer mir) neben mir erzählte von einer katholischen Nachbarin, mit der sie oft am Gartentürchen zusammengekommen sei und manchmal zusammen gebetet habe (trotzdem die eine katholisch, die andere evangelisch ist!) z.B. damit ein Verwandter aus dem Irak zurückkomme und so). Man sei sich da einig gewesen im Glauben, aber am Ende eben dann doch nicht. Als der Katholischen ihr Karl weggestorben war, haben sie zwar auch zusammen gebetet, aber die Katholische hat sich dann doch sehr verlassen gefühlt (“Gell du wirs nimmer weiter beten mit mir, dass die Seele vom Karl in den Himmel kommt”). Der Evangelischen tat das leid, aber für sie war es halt klar, dass einmal beten reicht. Die Katholische hat sich dann für den toten Karl total verausgabt sich, weil sie ihm Totenmesse über Totenmesse hat lesen lassen müssen und so, damit er Ruhe findet. Kommt einem vor wie aus ferner Zeit. Rituale, damit der Himmel geneigt ist, einem nicht am Ohr ziehen muss… die Kirche, die das übernimmt und es sich bezahlen läßt auf der einen Seite, die andere die sagt: das klappt schon, macht das mit Jesus aus. … natürlich wirkt Letzteres emanzipierter, aber andererseits, das ackern und Buße tun bei den Katholiken ist vielleicht aktiver. Und am Ende kriegt man was für sein Geld… EIn bißchen wie bei den griechischen Göttern. DIe musst Du anbeten, auf deine seite kriegen, ihnen was vom essen abgeben, mal ein Kalb verbrennen… Allerdings mahen die das direkt mit den Göttern ab. eigentlich ein katholisch-evangelisches Mischkonzept – mit ganz vielen Göttern, die allesamt dann und wann Mensch werden.

Da schwanke ich also zwischen den Religionen hin und her, hätte ja auch in die katholische Kirche nach N. gehen können zu diesem Marienerscheinungs-Vortrag: die sich Jungfrau die in 1917 in Fatima, in Spanien Hirtenkinder offenbart:  Rosenkränze sollten sie beten, damit der Weltkrieg endet und wenn sie es nicht recht machten, käme ein noch schlimmerer Krieg! Und Russland müsse endlich seine Irrlehre sein lassen! Krasse Überforderung! 2 der Kinder starben auch prompt. (aber angeblich wollten die das auch so…) Süßherbe Sanktionen, freidrehende Sonne, dahinsiechende Kinder und unterm Strich kam nicht wirklich was gutes dabei raus.  Das also habe ich verpasst.

Ich bin jetzt vielleicht ungerecht, denn ich habe mein Wissen nur aus dem Internet, vielleicht wäre der Vortrag und das Diskutieren darüber spannend gewesen. ich sollte die Frau aus Wolframs-Eschenbach fragen, wie es war.  Jetzt wo ich das schreibe, denke ich fast: vielleicht wars das illustere Thema. (Das ist ja auch das was bei den Katholiken so gut funktioniert: diese emorme Mystik. das Zähneklappern, das in Ohnmacht fallen vor Hingabe. der geheinsnisvolle Ritus…). Natürlich schreit das nach Protest, Abspecken, Klarheit, Augenhöhe, dem hölzernen hellen Raum mit dem Stuhlkreis, Protestantismus eben. Vielleicht braucht das eine das andere aber auch?

Eine Studentin aus Neuendettelsau äußerte sich besorgt, Angst, dass die evangelische Kirche sich immer mehr spalte (und tatsächlich war eben dies der Punkt, den der Vortragende als Mangel empfindet, als etwas, das nicht auf der Tagesordnung der Reformationsfeier-Anläße steht). Seltsam. Ich dachte, dass sich inzwischen alle Unterschiede in wohlgefallen aufgelöst haben, aber es ist wohl nicht so.

Es waren wenige da, das fand ich angenehm. Kindheitserinnerungen. Der Duft dieser Räume hatte mich schon damals angezogen, „weg von die Katholischen“ zu den offeneren Protestanten, die nettere Bilderbücher hatten im Kindergottesdienst und tollere Zeltlager veranstalteten. Der Glauben schien so leicht…

Das vermitteln sie gut: die Befreiung, die Erlösung. Bleibt ein Zweifel (ich traute mich gestern nicht nachzufragen, weil alle so gebildet waren): ist bei den Protestanten nicht alles vorherbestimmt? Ist man nicht das Männchen im Computerspiel, das gelenkt wird, egal in welche Richtung es sich eigentlich abzappeln will? War da nicht etwas von einem Teufel, der auf das Maultier springt und es (oder dich?) in die Hölle treibt, oder eben nicht…??? Der Determinus befreit: es steht eh schon fest, komme was wolle. Gott fügt es. die einen sind prädistiniert für die Hölle, die anderen für den Himmel. Frei ist man doch nicht, oder? Man hat nur die Freiheit, sich nicht total fertig machen zu müssen, ob des Happy ends oder der Ende der Misere. (Möglicherweise haue ich Luther, Zwingli und Calvin aber hier in einen Sack.) den Pfarrer mal fragen. schien für Fragen und Zweifel offen zu sein.

Ausgefahren. Merkendorf, Büchelberg. Laubenzedel. Hinter LKW her, dessen rückwärtige Werbebeschriftung mich fragte, ob ich Erfolg ernte. “Ernten sie ihren Erfolg?” Kühe vor Landwirtschaft versprechen “Optimierung mit System”.

Was ist eine Slipanlage? Ausgeschildert, aber dran vorbeigefahren.

Tanken in letzter Minute. Geldbörse vergessen und ADACkarte. Netter Tankwart.

Stadtcafe. Es muss nochmal Beerdigung sein. Von überall her kommen schwarz gekleidete Leute. Wahrscheinlich werden bald die Bläser wieder spielen.

Nachmittagsmüde. komme nicht aus dem Motorradschuh, weil der Reißverschluß klemmt. der Hund spielt Flaschendrehen mit einer 0,3l-Plastikflasche.

Gleich spricht einer von den Grünen über Europa. Rezatgrund. Wahnsinn. so viel Events besuche ich in Berlin sonst nie!

17. Mai,  Gottesruhkapelle.

Hier war ich gestern schon. Der U. hatte mir im Dezember ein Buch über die Kapelle mitgegeben, das hatte ich noch im Zug nach Berlin fast ganz gelesen. Hängen geblieben war dann doch nur dass da ein Ritter Hellberg war, Amtsmann zu Windspach, der nach Jerusalem zog und im Kreuzzug verwundet ward und als er wiederkam, hatte er die Kapelle gestiftet. Ich hatte es verschlungen, auch die Bilder, die da freigelegt wurden und die wie ein Comicstrip Bild für Bild, streifen für Streifen die Wände in der Kapelle bebildern, und prompt wieder vergessen. Bilder hatte ich mir in schwarz-weiß gedacht, so waren sie in dem Buch gewesen. Bunt sind sie “in echt”! Welch verwaschene Pracht, welch schöne Lücken. Lücken die man füllen könnte mit virtuellen Comic-Helden, Aprechblasen, peng und Uff. Das ganze ist ein über die Jahrhunderte aus dem Projektor gelaufener Filmstreifen, den man bewegen könnte.

Bei dem Kurzbesuch damals im Dezember waren wir auch hier her gegangen. Der U. hatte mir, die Kapelle im Abendrot zeigen wollen, aber da war es schon winterlich dunkel gewesen, als wir ankamen. Einzig  das Helu-Kabelwerk leuchtete, allerdings nicht minder zauberhaft in der Nacht. Ein Glaspalast schien es, ein Werk, das mir mein Vater, als ich noch Kind war verkauft hätte als: „Da wird Weihnachten gebacken“.

Im Mai sieht das Werk langweilig aus. Die Kapelle aber steht offen, man kann einfach hinein.

[Zitat] “Hans von Hellberg von geblüte / Edel, christlich im Gemüthe, / Welcher seinen Pilgrimsstab/ Fortgesetzt zu Christi Grab: / Auch allda nach Wunsch genesen/ Amtmann hies’ger Stadt gewesen. / Der, der hat aus Dankbarkeit / gegen Gott zur selben Zeit / Als man zwei Mal hundert sieben / Nach der Jahrzahl hat geschrieben / Seinen Reichtum nicht geschätzt / nd den Bau hierher gesetzt. / Soll mit Christi Grabes Bette / Windspach gleich der Ölbergstätte / der Distanz nach treffen zu – / Drum genannt: Zur Gottes Ruh.”

Hinreißende Farben. Sicher waren die mal krachend grün und knallrot, viel gelb (die schienen allesamt blond gewesen zu sein damals!). Jetzt ist alles zu Rosatönen verbliechen und zartem türkisgrün. Die Farben hauchen ihre Seele aus, an den Wänden blühen die Bilder not. Das Vergängliche berührt mich ebenso wie die Tatsache, dass alles noch da ist. Alles wird immer schöner. Es wird wohl der Kreuzzug sein, den man da sieht. und die Rückkehr, vielleicht auch den Bau… – Aber man kann sich auch was Eigenes dazu ausdenken: EIn lichter blonder Engel in weiß, der sich in der roten Burg versteckt, der Wächter auf dem Turm entdeckt ihn. Und schimpft hinunter vom Turm. Vielleicht will er ihn auch hochziehen. Ein grüngewandeter König spaziert vorbei und wundert sich.

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Ein Gott mit einem Baseballschläger taucht aus den Wolken hervor und verrät den Engeln rechts und link seinen Plan. Unten knien Leute in Verehreung und hören zu.

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Eine Nonne beaufsichtigt ein Kind, das auf einer Hundehütte herumturnt.

nonneaufspielplatz

(vielleicht schubbst sie das Kind auch? vielleicht handelt es sich nicht um eine Hundehütte? Vielleicht ist das die noch nicht vollendete Kapelle? wieso läuft da ein Kind? Ist das wieder Jesus?)`

Ein dunklgrau angezogener Fürst, ebenfalls blond zeigt auf ein braunes Fass. Ein überdimensionales Tintenfass, ein Weinkrug? Man trifft Anstalten, auszuschenken. Eine Schlange windet sich um das Gefäß und verhindert es.

Jetzt bittet der Fürst eindringlicher, er betet gar, aber er kriegt nichts aus dem Gefäß. Jemand schaut ihm dabei zu. Nichts zu machen. Okay, der Krug sieht jetzt doch eher wie ein Gebäude aus. Vielleicht ist es die Kapelle, noch ohne Turmdach? Ein Baum wächst davor.

Der Fürst geht weiter…

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Was dann kommt weiß ich nicht. Es ist ein Fenster, da wo der Film weitergehen müsste.

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Vielleicht kann mir irgendjemand erzählen, was da in Wahrheit gemalt wurde???

Später Einkauf, keinen Rossmann gefunden wegen Shampoo.

Orchideenwanderung, abends

Orchideenwanderung des Nabu. Schöner Abendspaziergang. Viele ältere Leute lupfen ihr Schuhwerk und betreten in einer Reihe eine nasse Wiese. Es ging vom Retzatgrund aus, der Pension, in der ich letztes Jahr übernachtete. Am Waldbad vorbei. Der U. sagte, man nenne es “Nazibad”, weils 1933 gebaut wurde. Großflächig funktional. Jetzt wird es umgebaut. Man kann erst im Juli baden. Freundliche Frau mit grauem Haar, die aber sehr jung wirkte, erzählte mir, dass ihr Großvater (oder sagte sie Urgroßvater?) das Bad gebaut habe. Findet den Umbau entsprechend unnötig. Zumal man jetzt die Hälfte der Badezeit verpasse. Man hätt ja auch nicht alles auf einmal neu machen können. Das Schwimmbad ist unbeheizt, man badet im Wasser des Flusses. Im Fluss aber würde keiner baden. Würde sehr gerne in der Rezat baden!

Die Orchideen hätte ich übersehen. Kleine lila Blüten. Knabenkraut. Schöner Name. apropos: wann singt dieser Chor endlich?

Einkehr nach der Wanderung. Das Sitzen beim Bier im Rezatgrund (eigentlich nicht schön, viel zu Asphaltig! Betonplatt) mit fremden Leuten, die sich alle zu kennen scheinen…. was sich aber dann als Irrglaube erweist: die kommen nur so schnell ins Gespräch über GOtt und die Welt, dass man denkt, die kennen sich. SPazieren durch die Natur verbindet.  Das Knabenkraut, das dreiblättrge. Die Abendsonne im Gegenlicht in den Gräsern. Ein früher Frosch im Gras, langbeinig entkam er. Neu gelernte Worte: Totholz und Totalherbizit.

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Frau aus Wolframs-Eschenbach, die aussah wie meine Freundin Silke in 20 Jahren war unsagbar nett und erzählte mir vieles über den Zusammenhang Katholisch und Evangelisch. Welche Städte sind wie? Wolframs-Eschenbach-katholisch, WIndsbach-evangelisch (das hatte ich aber schon an meinem ersten abend erklärt bekommen.  Eschenbacher wurden zitiert, die bei Einladungen zu Stadtfesten nach Windsbach verwundert ablehnten: “Wer geht denn nach Windsbach?!” (Na ich! ICH gehe nach Windsbach!)). Und die ältere Silke ja auch. Sie weiß, dass das jetzt nicht mehr soooo ist, mit Kataholisch vs Evangelisch, aber Vorbehalte gibt’s doch, ihre Freundin, sie aussah wie meine Freundin Uta in 20 Jahren, herberer Typ, eine starke Frau mit warmen dunklen Augen, sah mich an wie eine verlorene Seele, weil ich zwar katholisch getauft bin, aber nicht gefirmt und auch sonst es lieber mit den Evangelischen halte. Ich soll morgen in die katholische Kirche nach Neuendettelsau kommen und einen Vortrag über die Fatima-Offenbarung anhören (da soll Maria irgendwelchen Kindern erschienen sein! . in einem Ort namens Fatima, nicht in Neuendettelsau!), ich weiß nicht was sie mit “Fatima” meint, es dauerte sogar bis ich verstand, dass es ein Ort ist, kein Frauenname. sie sag mich an, als hätte ich üble Bildungslücke. Aber andererseits konnte sie mir nun auch nicht grad viel sagen dazu. Ich würde ja hingehen. Aber da ist auch der Ghospelchor von meiner Gastgeberin…. und die Windsbacher Knaben sollen eventuell in einer Turnhalle singen…?

Qual der Wahl. Knaben oder Jungfrauenwunder? Gospelgesang oder ein Vortrag der Windsbach der Diakonie über das Lutherjahr (“Was feiert man da eigentlich?”). Irgendwas mit Religion auf alle Fälle. Seltsam.

Sie erzählte mir Geschichte von ihrem Vater. Der 16jährige schon Schmied war und in den Krieg musste. Essen ausgeben. 2. Weltkrieg. Gefangenschaft. Amerika. England Frankreich. Wieso haben ihn die Alliierten herumgereicht? Die Franzosen seien am schlimmsten gewesen. Das traumatisierte ehemalige Kind hat sich später immer eingesperrt im schlafzimmer. Ihr ist das jetzt erst klar geworden, wie sehr der Krieg ihn kaputt gemacht hat. Ihr Mann ist tot seit Februar. Krebs. Aber gestorben an Thrombose, ausgelöst durch die Chemotherapie. Nun sitzt sie in einem großen Hause, allein. Einer Tante von ihr hatte ien Haus gehört, in dessen Keller noch ein Zugang von einem geheimen Gang mündete, der vom Keller der Gottestruhkapelle nach Wolframs-Eschenbach verlief. Beim Biere die Details vergessen. Davon werd ich nachher träumen.

Seltsamerweise haben mir heute viele ältere Frauen von ihren toten Männern erzählt. Eine war Pfarrersfrau. Lange in Südafrika. Einen friedlichen Mann habe sie gehabt, Lymphkrebst. Sie glaubt, dass die Zecken schuld waren.

18. Mai,

Traum. nicht von Geheimgängen, aber doch von der Kapelle. die Fresken waren bunter und in 3 D. das hatten Restauratoren gemacht mit spezial-Technik auf die ich neidisch war. allerdings wusch sich be Regen alles heraus. ein Restaurator hatte ein Shampoo in der Tasche. Guhl – living Colours.

Muss damit zusammenhängen, dass ich in Ermangelung meines eigenen Haarwaschmittels, heimlich von dem meiner Gastgeber nahm.

Wieder herrlichstes Wetter. Gehe diesmal zu Fuß.

Schönes altes Haus in der Nummer 12. Flieder rankt an der Fassade, drängt sich in dickem violetten Busch, die Fenster darüber sind zugemauert. Seltsame Ansicht, der rote Backstein darin, der den Rahmen zu sprengen scheint . Kein Aussicht. Schön schauts trotzdem aus.

Der Jesus auf dem Friedhof ist schwarz. Und tatsächlich schwirren Bienen um den Leib Christi. Nicht so wie ich es mir vorstellte, dass da ein ganzer Bienenstock unter der Achsel hängt, schwirrt und schwärmt, aber doch sehr viele Bienen machen da rum.

An einem anderen Grab steht „Für ein schöneres Auferstehen“. Nachgeschwärzte Schrift die aus dem Stein heraussticht. Die unbequeme Einrichtung der Welt… – wo doch meistens eher geschrieben steht, was die Hinterbliebenen angeht (“Unvergessen”, in Liebe”). Vielleicht hatte jemand ein ausgesprochen schlechtes Leben?   Und rechnet man damit, dass das noch eine weile unbequem sein wird, da zu liegen?  Trotzdem – Auch das klingt ein bißchen nach einem Werbe-Slogan. Nach einer Zeile aus dem Bettenteil des Ikea-Katalogs.

Wohlwollend angesprochen worden von einem Tubaspieler aus Ansbach. Wahrscheinlich gab ich ein seltsames Bild ab, mit dem Notebook auf der Friedhofsbank.  (“Hier stört sie keiner”, sagte er – Paradox! – und fragte, was ich schreibe.  Spielt bei Beerdigungen. “Ohne die Tuba geht nix in der Musik”, sagte er. Lehnte sich an eine Säule neben der Bank, ein bißchen wie ein gemütlicher Redner auf einem Pult oder einer der aus einem Fenster gutckt und mit den vorbeigehenden schwatzt. Sprach über dies und das, über Baulücken und zu volle Städte.”In Berlin verschwinden die letzten Baulücken, die letzten Brachen”, sagte ich. Er sagte, seine Frau hätte gesagt, es gäbe da noch viele und so viel Grün. Baulücken findet er gut, da waren wir uns einig, allerdings findet er daran gut, dass man neue Häuser reinbauen kann. wieder Paradox.

Schreiben am kleinen Fluss, mitten im Grün gelandet Wiese hinter dem Friedhof, im hohen Gras. Bis zur Rezat durchgeschlagen, aber da wo ich dann zum Wasser stieß, ging es zu steil hinab. Zu brennesselig wars. in der WIese versucht, meinen Roman zu pberarbeiten, aber die Sonne brannte zu heiß und zu hell. das ist Unsinn, der Versuch die Sehnsucht nach Sonne und Natur mit dem Schreiben unter einen Hut zu bringen. Ist doch klar, dass man hier erstmal träumen muss. im hohen Gras verschwunden, von Ferne tönte die Blaskapelle, schwer und gewichtig, und trotzdem leicht wie Löwenzahn wehten die Töne herüber vom Friedhof.

Weil heute ich  kochen werde. Fleisch kaufen. Fleisch kauft man beim Rosenberger. Bin schon oft dran vorbei gelaufen, aber jetzt wo ich den Laden suche, ist er unauffindbar. Im Supermarkt Fleisch kaufen ist No-Go für die Us. Respekt. Nicht dort kaufen! Auch wenn es mich juckt zum rewe zu fahren, Tee zu kaufen und Plastikverpacktes Gehacktes von unglücklichen Tieren. für ein besseres Auferstehen. Nicht etwa, weil ich das gut finde, Industrie-Mist zu kaufen, aber weil es so gut tut mit dem Motorrad durch die Sommerhitze zu fliegen.  Es tut zueweilen gut, alles mit anderen Augen zu sehen, anzugehen. zu Fuß zu gehen. Kein Rewe. Den Fleischer in der Hauptstraße gefunden, natürlich. Der Duft, wenn man den Laden betritt hat mich an die Kindheit früher erinnert.und beschämt, dass ich Rewe auch nur in Betracht gezogen habe.

Abends Vortrag im Dekanat. tolle Leute hier, schöne Gespräche.

16. Mai

Versammlung im Rathaus zwecks Planung des Stadtfestes. …

hatte ergeben, dass die (offensichtlich in Scharen zu erwartenden Senioren nur einen statt zwei Getränkegutscheine erhalten). Bei Essensgutscheine im Werte von 4 € wird die Restsumme, falls das Gericht unter 4 € liegt NICHT ausgezahlt. Ist ja eigentlich klar. Aber was, wenn alle nur zu einem Stand gehen mit den Gutscheinen. die Frage lag mir auf der Zunge, aber ich war ja nur so mit. was gehts mich an. was alles bedacht werden muss… Eine bringt eine Spülmaschine mit zum fest. jeder darf nur ein Spezialgericht anbieten, damit man nicht gegenseitigin Konkurrenz tritt. SInd Smoothis das selbe wie mexikanische Fruchtsaftcoctails? “Fruchtsaft ist Fruchtsaft”, sagte einer. Abgesehen davon scheinen die hier gut zu funktionieren, so als Stadtprägende. Es ist nichts anderes als in Berlin-L.

Bin nachwievor skeptisch, ob das Windsbacher Stadtfest unbedingt einer Lesung bedarf.

“Und was schreiben Sie denn dann eigentlich hier?” wollte der Bürgemeister wissen. wenn ich das wüsste! alles Festzulegende macht mir Angst.

15. Mai 2017

Hostel in Nürnberg bot tiefes Hochbett – aber mit Blick in den Himmel, der nun wieder klar war. Dunkelblau, ein paar hellere Wolken über der leuchtenden finsteren Schicht. Ein Stückchen vom Stadtmauerturm, in der unteren Ecke, ein bißchen Rotlicht von der Leuchtreklamenschrift, aber im großem und Ganzen, nur Himmel. Die Cousins und Cousinen waren nicht erreichbar. Froh darüber, in tiefen Schlaf zu fallen.

Früh los, zu wenig Weg übrig, als dass es eine rechte Anreise hätte sein können.

Rewe Heilsbronn. Earl Grey Tee erworben. Rewe Berlin-Lichtenberg hat den nicht im Sortiment. Frau am Bäckerstand gab mir heißes Wasser. Gefrühstückt mit Blick auf Rewe-Parkplatz. der sieht aus wie jeder andere Rewe-Parkplatz dieser Welt. Earl Grey war ausgezeichnet.

Ankunft. Windsbach.

Es scheint mir zu früh, um schon anzukommen. 30 Kilometer sind zu schnell verflogen.

Weiterer Earl Grey im StadtCafe Windsbach. Nicht erwartet, dass es dort welchen gäbe. Noch ausgezeichneter. Müde. Das Hochbett steckt mir in den Knochen.

Witze gehört, lange umständliche, die am Nebentisch erzählt wurden. Leider Pointe verpasst. Das wurmt mich. die am Tisch lachten laut, der Witz muss komisch gewesen sein. Mann an anderem Tisch begeisterte sich über im Zeitungsblatt gelesene Maketing-idee eines Museums: Jedes Kind, das einen Teddybär mitbringt, kommt umsonst ins Museum. “Wos Ideeee!”

Eintauchen in ein fremdes aber freundliches Familien-Paradies. Beidseitige Erleichterung darüber, dass keiner von beiden Vegetarier oder gar Veganer ist.

Hund mit großen Basedow-Augen und seltsamen Füßen gibt verrückte Töne von sich.

Von solchem Bauerngarten habe ich immer geträumt. Und von solchem Teich.

FRÜHLING, 14. Mai 2017

Aufbruch.

Als ich ihm  – weil Aufbruch war – noch etwas Schönes sagen wollte, bevor ich nach W. fuhr, nämlich, dass ich ziemlich glücklich bin  – mit ihm… – und das dann auch tat (ihm das sagen), bekam er sofort Panik. Verdammt! Soll man sich jetzt wieder auf die Zunge beissen?! Ich denk nicht dran. Wenn ich glücklich bin, bin ich glücklich. Ob ihm das passt oder nicht. Superglücklich! Ich bin glücklich-glücklich-glücklich.

Der Augenblick in dem man es sagt, ist es nicht mehr so. Wer glücklich ist, hält die Klappe und singt. Vielleicht ist jede Form des Ausdrucks immer erstes Anzeichen einer Mangelerscheinung.

Das Packen der Satteltaschen hatte etwas von Sich-Vom-Acker-Machen. Der Acker ist ein weites Feld. Autobahnen wie endlose Flugzeugrollfelder fürs Beinahe Abheben. Nicht geflogen, aber die Gedanken über das Glücklich-Sein-Oder-Nicht-Sein flogen davon.

Fast gleich auf die A 9 gefunden. Fast immer 130 gefahren. Fast immer Sonne gehabt.

In die Wolken fahren (in Sachsen-Anhalt).. Tief am Horizont Flocken. Schafe. Sahneeisballen. – Nie zuvor so warm gefahren. Nie so schnell. Das Entfesselte Motorrad. Der helle Himmel. Die schöne Welt. Der Mai. Der Duft von Mai.

Erst kurz vor Nürnberg zogen großartige tintenfarbene Wolkenberge auf. Giftgelber Abendhimmel, mit schneeweißem Dunst zwischen bleiernen Schwaden. Und wie konnte es anders sein, als dass sich da gerade eine Hängebrücke ankündigte, so sagten es die Schilder… Das stelle man sich mal vor: man fährt erstmals auf dem nicht mehr gedrosselten Mototorrad 400 und noch was Kilometer lang Autobahn in der Sonne und gerade dann, wenn man in einem Unwetter landet, steht da ein Schild: “Hängebrücke!” und man muss damit rechnen, dass diese (nur dann und wann baustellige Autobahn plötzlich zu einer wackeligen Bretter-Auf-Seilen-Brücke über abenteuerliche Schluchten wird! – Okay, sie war dann doch recht solide! Aber man kommt doch nicht um die Sorge herum. Wo war das? Hieß es Höllenberg? Teufelsberg? Die Wolken schienen in mal hellen, mal düsteren Schlieren auszufransen. Schlierige, pausbäckige Gesichter mit dürren langen Nasen, die aus den Dunklen Wolkenformationen hinüber spitzten ins giftige Gelb. Immer war der Weg der Autobahn so, dass man dachte, man entginge dem Unwetter, aber dann kratzte die Straße die Kurve und führte doch mitten hinein. Glasklare Regentropfen. Ein unglaublicher Blitz. Wie ein Schmiss quer über den Himmel bis hinunter zur Erde.

W I N D S B A C H E R   T A G E B U C H

Wenn man Motorrad fährt, allein für sich, wenn es nicht wichtig ist, ob man rechts abbiegt oder links, wenn man sogar Schwierigkeiten damit hat, wo rechts und wo links überhaupt ist, wenn man keine Karten lesen kann und Navigationssysteme ablehnt, greift man auf Assoziationen zurück. “Windsbach…” Da war ich nie. einen Knabenchor soll es da haben, ein Internat… EInen Junge, den ich gerne gekannt hätte, als ich noch ein Kind war, verschlug es da hin… – VORBEI VERJÄHRT DOCH NIMMER VERGESSEN / ICH REISE / ALLES WAS LANGE WÄHRT IST LEISE…

– Toll, ich starte den Blog  mit einer Gedichtszeile, die nicht von mir ist!

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20. Dezember 2016

Auf dem Grabstein stand „Jesus ist Sieger“.

Windsbach. Friedhof. Der U. Bei dessen Familie ich wohnen werde im Mai, ging mit mir über den Friedhof. (Nicht nur, aber auch!) Ich mag diesen Friedhof. Er war mir schon bei meiner ersten Durchreise ins Auge gefallen. Hatte mich hier auf eine Bank gesetzt, weil’s so idyllisch war. Irgendwo standen Badelatschen rum. Das hatte mir gefallen. Wer wechselt seine Schuhe auf einem Friedhof? Und vergisst sie dann? Oder holt sie dann doch…

Da waren sie jetzt nicht mehr. Klar. Es ist Winter. 4 Tage vor Weihnachten.

Die stille Stadt, das Keller-Gewölbe unter der Musikschule mit Einbauküche und Weihnachtskrippe, es riecht nach Spargel, ist aber eher Schimmel. Kühne Pläne, Musiker in alle Ecken verteilen, spielen lasssen vereinzelt und als Klanginstallation. Aber ob die das dann auch wollen…? Die Gassen, die gewölbten Kopfsteinpflaster-Brücken. der verlassen wirkende Bahnhof in der Kälte, der höher gelegene schöner Friedhof, umrandet von der kleinen Steinmauer, dahinter die im Winter fahlen Wiesen durch die sich der Fluss schlängelt. Und wieder der Friedhof. Ein überschaubarer Ort unter hohem hellen Himmel. Ein Kreuz mit schwarzem Jesus sticht heraus.

Der U. erzählte, dass im Sommer ein Bienenschwarm sich unter den Achseln vom Jesus gesammelt hatte. Das gefiel mir noch besser als das mit den Badelatschen. Jesus mit Bienen. Kann nicht umhin zu denken, dass es damals die Badelatschen vom Jesus waren, die da standen. Jesuslatschen. Was sich die Bienen wohl gedacht hatten, als sie die ausgebreiteten Arme vom Jesus ansteuerten.

Jesus ist Sieger…

„Und wir sind Weltmeister!“, sagt der U.

“Wir sind auch Papst.”

“Das war mal! Wir waren Papst.”

Alles was nicht mehr ist, zieht mich nach Windsbach.

Hier werde ich also den Frühling verbringen…

***

WINDSBACHER TAGEBUCH   (von unten nach oben zu lesen)

15. Mai – 15. Juni  2017,  WINDSBACH – Versuch, ANDERSWO zu sein und ANDERES zu schreiben. Versuch, einen Ort in einen fast fertigen Roman hineinzuschreiben (Geht das? oder ändert das alles?). Sich ein Bild von einer Stadt machen. Das fing 2016 an, als ich auf der Durchreise war und an alten Namen hängen blieb, die plötzlich auf der Landkarte auftauchten.Ohne den Anspruch auf Wahrheit, Korrektheit und Allgemeingültigkeit. Mit dem absoluten Anspruch der Authentizität. (Kann Spuren von Rechschreibfehlern enthalten)

VON UNTEN NACH OBEN ZU LESEN!

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