EIDESSTATTLICHE VERLEUMDUNGEN – Projekttagebuch

(Kann Spuren von Reichtschreibfehlern enthalten – tatsächlich sogar sehr viele. Bitte um Nachsicht. das ist ein Werkstatt-Blog, nicht druckreif, nicht perfekt)

Donnerstag, 16. 07.

Habe mein Atelier bezogen. Muß sagen: 60 qm sind es wohl nicht. der Raum wirkt kleiner, aber er ist schön. Das Linolium des Fußbodens, bzw. sein Zustand ist schon grenzwertig, aber ansonsten sehr sehr schön. die Ideen für die Installation, die bis Oktober entstehen soll habe ich erstmal nicht in Angriff genommen. Löcher hätte ich bohren müssen, habe mich aber nicht getraut. ZU viele schlechte Erfahrung in eigener Wohnung gemacht. und keine da der hilft. habe stattdessen herumgeräumt. störenden großen Tisch hochkant gestellt und Plane darüber geworfen. die Plastikwülste ergaben etwas, das mich ein Ohr assoziieren ließ. Man muss schon lange hinsehen und vielleicht im Hinterkopf haben, dass es um Eidesstattliche Verleumdungen geht (die eingeneigtes Ohr nötig haben!) und dass Reglers Biographie den Titel DAS OHR DES MALCHUS trägt. (immer noch bin ich nicht sicher, warum!) – aber dann ergibt es Sinn. Sicherheitshalber Ohr auf Ohr projizieren! dem plastischen ein virtuelles leihen.

Freitag, 17.07.

Termin in der Anna Seghers-Bibliothek, um das Projekt vorzustellen. Schreit es nicht nach Kooperation: die Tatsache, dass drei von vier Lichtenberger Stadtbibliotheken nach den Schriftsteller-Größen benannt sind, die alle an der Verleumdungskampagne beteiligt waren?

Anna Seghers-Termin erwies sich leider als falsch notiert (das kommt davon, wenn man zu viel Aktionen gleichzeitig startet! Termin war in der Bodo Uhse Bibliothek. Extrem angenehmes Gespräch; schöne Querverbindung: über der Bibliothek wohnte einst Heiner Müller. Noch schönere Querverbindung (eher eine direkte!); Andreas Uhse, Schauspieler und Großneffe Bodo Uhses wird zum Projekt stoßen. Man könnte aus Bodo Uhse Tagbüchern lesen. Uhse liest Uhse bei Uhse. Bekam jene Tagebücher auch in eben der entsprechenden Bibliothek ausgeliehen. Magazinbestand. keine offizielle Leihgabe. seltsam, dass sie die Bücher ihrer Namensgeber nicht im Regal stehen haben! Bei Egon Erwin Kisch war es genauso. und dann war das Buch, das ich (im Keller suchte man danach) ausleihen wollte verschollen. Bibliothekarin bei Ihse meinte, die Buch sei zu kostbar. wenn es im Regal stünde, würde es gestohlen. Kann mir nicht vorstellen, dass dies so ist. kann mir noch vorstellen, dass jemand Harry Potter mitgehen läßt oder die Tribute von Panem, aber Bodo Uhses Reisetagebücher?

Egon Erwin Kich Bibliothek wird also dabei sein (Eröffnungsvortrag des Kolloquiums im Oktober) und Bodo Uhse. Anna Seghers wirkt desinteressiert. oder mails kamen nie an.

Bin so Enthusiasmus-bedürftig. Austausch! Ideenfindung! Links! (ich meine damit Verlinkung, nicht die Himmelsrichtung, oder die politische)

 radioinsert  reglertv  ohrdesmalchus

Samstag, 18.07.

offizieller Projektbeginn  im Rahmen des TAGES DER OFFENEN TÜR in den Blo-Ateliers. Hatte mit wenigen Besuchern gerechnet. Tatsächlich aber: erst tröpfelnder Besucherstrom, dann nicht abreißender von 15:00 – 19:30. habe so viel geredet un derklärt. mal wie eine hängen gebliebene Schallplatte, aber zuweilen blieb die hängebliebene Schallplatte aber auch hängen an den Fragen der Leute oder an dem was sie zum Thema zu sagen hatten. Unglaublich, dass es offensichtlich doch interessiert.

als ich Feierabend machte und aufs Gelände der BLO-Ateliers rausging, habe ich dann gesehen, wie viele Leute wirklich da waren. Massen! alle verteilt in die die Nischen, die grünen Winkel, die alten Bahnhäuschen, erleuchtete zauberhafte Welt.

Sonntag, 19.07.

Bodo Uhse war nicht nur zur gleichen Zeit wie Gustav Regler im Spanischen Bürgerkrieg, die teilten sogar ein Zelt!

kurzer Ausschnitt aus dem Zeitzeugnis THE SPANISH EARTH von Joris Ivens. Regler ist darin zu sehen (den Kommentartext schrieb Ernest Hemingway); hatte nicht gewußt wie gutaussehend Regler war – und wie groß dieses Pathos in der Stimme. Hatte ihn mir andächtiger, mehr bei sich vorgestellt. aber vor laufender Kamera drückt man vielleicht mehr auf die Tube. Oder es ist wirklich der glühende Brustton der Überzeugung…?

Mittwoch, 22.07.

hatte nur kurz in der Videothek nach WEM DIE STUNDE SCHLÄGT Ausschau gehalten, aber das Gespräch an der Theke führte über den spanischen Bürgerkrieg hin zu so vielen interessanten Dingen. Unglaubliche Entdeckung: es soll eine Agentur für Verleumdungen geben! Dienstleistungsunternehmen, das man in Anspruch nehmen kann, wenn man will (kostet wahrscheinlich Einiges).

Donnerstag, 23.07.

Erster eigener Fund, in der mexikanischen Exil-Zeitschrift FREIES DEUTSCHLAND. Artikel eines gewissen Joss Fritz über Sehnsüchte und Nostalgie der Exilanten. Wer ist Joss Fritz? Müsste es sich nicht um einen Artikel Reglers handeln, der den Namen seines Protagonisten aus der SAAT wählt um in einer Zeitschrift zu schreiben, in der nur seine Kollegen schreiben, denen er nicht mehr ganz grün (beziehungsweise rot genug) ist.

Freitag, 25. 7.

Verdammte Post ist mir nicht nur schon seit 6 Wochen den Band 6 Der Regler-Werkausgabe schuldig, sondern unterschlug auch den Film, den ich heute zeigen hätte wollen. DEN HIMMEL AUF ERDEN SUCHEN. War trotzdem ein schönes offenes Atelier. Danke an alle Gäste. Gelesen im OHR DES MALCHUS,  – Kindheit – 1. Weltkrieg – Studium in Heidelberg – Sozialdemokraten und Spartakisten – die vielen Kurskorrekturen, die vielen “Stürze in neue Strömungen”, schon damals die Verwunderung darüber, wie schnell die eigenen begeisterten Worte mißverstanden werden können, oder verwertbar sind, ausbeutbar, umdeutbar. Mich berührt Reglers frühe Try-And-Error-Phase sehr. finde es menschlich und absolut nachvollziehbar – man muss dazu aber halt ein bißchen die Gedanken kreisen lassen. (Und vielleicht auch Sternzeichen Zwilling sein!). Leuten, die Klarheit und Besonnenheit wollen, muss das auf die Nerven gehen; es ist vielleicht wirklich mißveständlich und verwechselbar mit dem sogenannten Blatt im Wind.

Gespräche über den Workshop und die Installation. Alex viel auf, dass nicht nur die große Projektion auf der Planenplastik ein Ohr ergibt, sondern auch das Sofa genau die entsprechende Form, sogar eine ähnliche Form hat. Auch über das SOfa das nicht meines ist, sondern schon im Raum war, hatte ich von dem Nesselstoff eine Bahn geworfen. das geliehene Ohr und das geneigte.

Alexander Weigel fand die deutsche Übersetzung zu Reglers Analysis Artikel über Otto Katz. (ein Eskalationspunkt, der das Zerwürfnis noch verschärfte). Ärgere mich jetzt, dass wir ihn nicht gleich gelesen haben, noch im Rahmen der Veranstaltung. wäre gute Gelegenheit gewesen, kam aber nicht auf die Idee. allerdings soll er wohl auch nicht so toll sein. werde ihn morgen lesen.

Samstag, 26.7.

Ich fand den Artikel sehr mitreißend. Lang ist er und aus tiefster Seele geschrieben. Vielleicht zu wenige Fakten auf so vielen Seiten? Etwas, das man ein wenig hätte kürzen un düberdenken müssen. Wie schnell hat er das geschriben und losgeschickt?

Montag, 28. 7.

Staatsbibliothek, Kurt Stern Tagebücher geholt. darin gelesen im leider geschlossenen Cafe in Schöneweise, an der Spree gesessen.

leider nicht kommentierte Ausgabe. Hätte gerne gewusst, was es damit aufsich hat: Stern notiert, Bader sei zu Besuch gewesen und hätte unangenehmes Gerücht verbreitet, Gustav säße wohl lieber in England im Konzentrationslager. Unangenehm. Bin irritiert über das Satum. noch vor der offiziellen Hetzkampagne. sozusagen vorgezogene “Üble Nachrede” vor den “EIdesstattlichen Verleumdungen”: Das war 1939, als Regler in Vernet, in Frankreich im Lager war. Dann Buch zu Alexander gebracht nach Kaulsdorf, spätes Frühstück um 14:00, das sehr gelegen kam, denn das Kaffee hatte ja Ruhetag gehabt.  Lange und tolle Gespräche mit Blanche und Alexander: Stern – Mann – Kleist – Mann – Schwarzenbach –

Dienstag, 29. 7.

Die Firma CWS schickte zwei Stoffrollen für den Handtuch-Automaten, den ich als Informations-Spender in die Ausstellung integrieren will. Neben den alten Messing-Wasserhahn, den Leo virtuell bestücken wird mit fließendem Geflüster, soll der Aparat stehen zum Hände abtrocknen, nachdem man sie in Unschuld gewaschen hat und ins Reine gekommen ist. Der Ausstellungsbesucher kann sich die Information also porionsweise selbst abrufen. Er muss kräftig ziehen, das bereits gelesene fällt zu Boden oder wird wieder eingezogen von der Mechanik des Aperates.

Die Stoffbahn, die also heute geliefert wurde (die Post hat hier ausnahmsweise mal nicht versagt), gilt es nun zu bedrucken mit der Information, mit  Zitaten. T-Shirt-Druck? HAndgeschrieben in Textil-Farbe? Stempeln? – Ich scheiterte schon beim Einlegen des Stoffes in die Rollenmechanik des Aparates. im Inneren des Aperates sind drei Abbildungen die den Gebrauchsanweisungsbildern von Überraschungseiern gleichen.  schwierig! so viele Rollen und Pfeile und das Ganze ist aus der Seitenansicht gezeichnet, man sieht aber in die Innerereien des Gerätes von vorne. Interessante Geräusche. Viel Stoff.

Stadt(teil)museum Lichtenberg eventuell als Veranstaltungsort am 30.Okt. ? wäre toll für Filmvorführung (jetzt ist der Film angekommen!).

Abends aufs Land geflohen. Endlich raus aus der Stadt. habe nicht umkehren wollen, trotz Regens – oder gerade wegen des Regens und überhaupt. Intuitiv acuh schon alles eingepackt gehabt, was man notfalls braucht, inclusive Lektüre. will endlich das Klaus-Mann-Buch lesen. Ich kam bis Steinhöfel mit dem Motorrad und beschloß zu bleiben. Remise des Schlosses. sehr schön. vielleicht morgen mach Polen weiter.

Nun hat sich aber rausgestellt, dass ich Klaus Mann versehentlich in Berlin gelassen habe. nur das dünne Brief-Bändchen ist da. Reiseberechtigung somit eigentlich fraglich. sehr schade.

Donnerstag, 30. 7.  Annemay Regler-Repplinger antwortete so schnell auf meine Mail. Nicht nur dürfen wie die Texte ihres Onkels nutzen, lesen, sprechen, sie unterstützt das Projekt. Im Anhang war ein Text jenes Wolfgang Klein, der in der DDR ein umfangreiches Buch über den Literaturkongress (1935 in Paris) herausgab. Hatte jenen Klein schon kontaktieren wollen. Wahrlos SMSe an diverse Kleins geschickt, ob sie (jeweils) der Klein seien, der mit dem Kongress (1935 in Paris). keiner schien der nämliche zu sein. Es gibt viele Kleins. Nun Kontaktmöglichkeit. Gefühl eine Wundertüte bekommen zu haben mit so viel drin: Material, NutzungsRechte, und sogar und einfach so ohne dass ich gefragt hätte: Geld.

Donnerstag, 6.8. Post von Wolfgang Klein. Unglaublicher Archivfund aus Moskau. HInreißendes Kantorovicz-Gedicht über Regler. DER FEHLER. Der Fehler, Regler machte als er seine (wirklich spontane?) Rede in Paris gehalten hat. bei eben jenem internationalen Schiftstellerkongress 1935. zu enthustiastisch, zu spontan, und dass dann alle die Internationale gesungen haben…. selbst das hat ihnen nicht gepasst. Interessanter strategischer Gedanke (Johannes R. Bechers), dass damit die Absicht und der Hintergrund des Kongresses aufgedeckt worden sei. Reglers Rede hatte auf mich so positiv gewirkt, wie man es sich als Genosse nur hätte wünschen können. beim genauen Lesen ist aber dann doch klar: er ruft zu laut, da ist zu viel NOT in der Notwendigkeit, sich JETZT zum Kommunismus zu bekennen. (es gäbe noch viel zu wenige Stimmen). Das aber durfte nicht sein. Man wollte ja stark rüberkommen. Später ist er dann also gerügt worden. und Kantorowicz, der zwar auch die Solonummer Reglers nicht okay fand, schrieb dann ein dreiseitiges Gedicht über den Vorgang. Wahnsinn. das berührt mich wirklich sehr. Es nimmt so viel vorweg. “Der Genosse G. hat einen Fehler gemacht. / Hurra!  […] Auf ihn mit Gebrüll”

Freitag, 7.8.  Telefonat mit Hermann Gätje, dem Mitherausgeber der Werkausgabe. schickte mir sofort Material, das ich zunächst kaum zu lesen wagte, weil ich nach dem langen Gespräch mein Regler-Bild leicht angeschlagen fand. Text von Kantorowizch aus dem spanischen Bürgerkrieg über Regler. K. glaubte irrtümlicherweise, R. sei seinen Verletzungen erlegen. Nachruf im Tagebucheintrag, der trotz aller Wärme und Sympathie einen Gustav Regler beleuchtet der duchaus kleine Eitelkeiten und eine große Portion Geltungsbedürfnis besaß. Die von Gätje angekündigte Bemerkung “Gustav Regler – der bestangezogenste Mann im spanischen Bürgerkrieg!” stand aber glücklicherweise nicht drin. es war nur die Rede davon, dass Regler sich wohl außerordentlich gerne fotografieren ließ. – Und? kann ich durchaus verstehen. Ich hungere auch immer nach BIldern. nicht im Bild zu sein, ist wie auf und davon. nie dagewesen. keine Spur hinterlassen. Alles ist so unsicher. Alles geht so schnell vorbei. die traurigen Versuche einen Augenblick festzuhalten, sich zu bewahren für einen Moment ist verständlich. Als ich im Gazastreifen war, hatte ich beide Kameras nicht laden können vor der Einreise. Ich rannte mit dem Notebook über einen Trümmerberg. ich habe mich nicht selbst fotografiert, aber nicht weil ich nicht gewollt hätte, sondern weil es mir peinlich war.

Und wer ist schon aus reinster Seele NUR altruistisch. Regler in seiner großen Begeisterung, in seiner Hingabe für eine Sache hat eben auch SICH da mit hineingegeben. Ist doch okay!?!  Ist mir lieber, scheint mir authentischer und riskanter als das Versteckspiel des Otto Katz.

Samstag, 8.8. Heute nur Ärger. überall.  Egon-Erwin-Kisch-Bibliothek sagt Mitwirken am Workshop ab, weil man Samstags lieber grillt als sich mit dem Namensgeber seiner Bibliothek auseinanderzusetzen. Und dessen Verhalten in der Hetzkampagne. Ärger darüber, dass die Augsteinstiftung das Projekt nicht fördert. Und dass die Nachricht so spät kam. Ärger im Kopierladen. im einen Copyshop machen sie nur Pfusch, im anderen unhöflicher Mensch, der um seinen Feierabend bangte. Ärger über den schönen Sommertag und darüber, dass ich in diesem Jahr noch gar nicht gegrillt habe.  vielleicht  sollte man es in Erwägung ziehen für den 15. 8. für nach dem Workshop. ich hab nicht mal einen Grill. und keinen Feierabend. Arbeitsnacht im Atelier dann doch noch schön.

ohrtunnel

Montag, 10.8. Wieder ein heißer Tag. mit Alexander Weigel zum Zeitschriftenarchiv der Staatsbibliothek. Überrascht darüber, dass das Archiv nicht irgendwo Unter den Linden oder am Potsdamer Platz ist, sondern am Westhafen. Weite Reise in der Mittagshitze, über der Lektüre des Kantorowichz-Gedichtes, die Station verpasst, beim Zurückfahren passierte das selbe beinahe wieder. Werde das Gedicht als antiken Chor inszenieren. unbedingt. NOtfalls DIE SAAT ausfallen lassen. Jetzt da die Augstein-Förderung nicht kommt. A. fand Idee gut, schlug darüberhinaus Blechbläser vor. Gefällt mir.

Wir kamen an in unwirklicher Gegend, die ich nur von der Durchfahrt der Ringbahn kenne. die dunklen Backsteinbauten, Speicherhallen die aus dem Kopfsteinpflaster ragen. zwischen sich stapelnden Containern, die in der Hitze flimmern. Wurde den gedanken nicht los, Alexander müsse sich irren, hier kann kein Archiv sein. langer Gang durch die Hafengegend in gleißendem Licht. Wir gingen an einer Rampe entlang, einziger Streifen von Schatten, den das Backsteingebäude warf. Es war tatsächlich das Archiv. Kleiner Lesesaal, hohe Regale. die vorbestellten zeitungen sahen aus wie flache Pakete aus ferner zeit. Wir saßen aber erst an den Lesegeräten und starrten in die Monitore, auf die dahinfliegenden Seiten, Tage, Monate. Seltsame Technik, erinnerte mich an die Schneideräume: die einzulegenden Filme, das Abrollen derselben, die erleuchteten Seiten, die Fusel, die Kratzer. WIe lange wird es das noch geben? Die Zeitangaben allerdings schienen falch zu sein. Wir suchten einen Artikel über den Ersten Litarturkongress 1947, der im Januar im Tagesspiegel hätte erscheinen sollen. wir kurbelten uns  durch alte Schlagzeilen über den Marschallplan, fanden ein Gedicht Reglers, rollten durch Werbeanzeigen,  bis weit in den März hinein – nichts. Egon Erwin Kischs Nachruf glitt vorbei, aber das war schon eine andere Rolle, eine andere Zeit. Jahre später. auch hier fanden wir nicht das gesuchte.  Bei den “echten”  Zeitschriftenbänden hatten wir mehr Glück, aber es war schon spät. den Artikel in THE NATION über Otto Katz fand ich fünf Minuten bevor die Bibliothek schloß. Handgreiflich geworden den brüchigen Seiten gegenüber. Fotografien in EIle mit dem Handy. Selber wie ein Spion gefühlt. der Rückweg war genau wie der Hinweg. Atemlos in der Hitze, die nicht weniger geworden war in der Zwischenzeit. Angekommen an der S-Bahn erleichtert, dass Alexander auch den Fahrstuhl nehmen wollte und nicht die Treppe.

Telefonat mit Ralph Schock in der S-Bahn. er wusste sofort, was wir gesucht hatten.

Mittwoch, 12.8.

Heute alles besser. Tolle Gespräche mit neuen Bekanntschaften. Es GIBT Leute, die das Thema interessiert, manchmal findet man sie einfach. Außerdem heute definitive Bestätigung, dass der Saarländische Minister für Kultur und Bildung im Oktober das Kolloquium eröffnet. Erfreuliches Telefonat. Ich habe aber vermutlich zu viel geredet. Habe zuweien das Gefühl ich rede den ganzen Tag über nichts anderes als Regler.

Samstag, 15.8.  nach dem Workshop

Völlig erschöpft und überglücklich über diesen Tag, der bis spät in die Nacht hinein ging. Es hatte chaotisch begonnen, die Kamerafrau drohte auszufallen wegen unterzubringender Kinder, Musikeinspielungen fehlten.  bsagende Teilnehmer, spontan zusagende in letzter Minute, die Frage “sind wir zu viel oder zu wenig?” – unbeantwortbar. Da will man mal “nur” Teilnehmerin sein, lernt deligieren und freut sich auf das Kommende ohne Bürde und am Ende hat man doch wieder die Technik an der Backe. Aber es ging alles gut. Pünktlich meldete sich doch eine Babysitterin zur Stelle, pünktlich kamen alle Teilnehmer. eine großartige Runde. Nicht zu zu viel, nicht zu wenig. genau wie erhofft.

Und natürlich kam man per Vorstellungsrunde sofort ins Gespräch über “was das alles hier und heute mit uns zu tun hat”. Brannte unter den Nägeln. erste interessante Entdeckung: die Moral. der unangenehme Beigeschmack. Leben wir in einer Zeit, die darauf stolz ist, dass es um andere “Werte” geht? Um Vermarktbarkeit, Durchsetzungsvermögen, Aufwand-Nutzen, Energiehaushalt, alle möglichen “Relevanzen”, aber nicht darum für eine Sache, die allen zu Gute kommt.

Wo wäre Regler heute? Vielleicht würde er mit den Kurden gegen ISIS kämpfen – (Na ja also der Gedanke kam jetzt nicht im Workshop auf).

Die Untersuchung der Rede, die Regler spontan hielt auf dem Schriftstellerkongress wurde untersucht, abwechselnde Redner, Absatz für Absatz. Später in verschiedenen Modi. Fast alles sind sich einig darüber, dass diese Rede nicht so spontan gehalten worden sein kann, wie Regler es in seiner Biographie behauptet. Alex meint, sie sei zu komplex, wirke zu ausgearbeitet. möglicherweise hatte er die, die er hielt ein paar Tage vorher zurechtgelegt und dann kurz vorher “spontan” entschlossen, die andere NICHT zu halten.

(Das Thema “der historische Roman” wäre sicher ein sperrigeres Thema gewesen). Ich denke die Theorie hat was für sich, glaube aber durchaus, dass Regler die Beredetheit gehabt hätte, aus dem Stegreif zu sprechen. Ich finde auch den Aufbau sehr  klar: die erste Hälfte geht darum, dass noch zu wenig erreicht wurde, dass noch zu wenige in den Reihen der Sozialisten sind, dass Fehler gemacht wurden (das brachte dann auch die ParteiRüge: zu viel offenbarte Schwäche. Fehler gibts nicht!) – der zweite Teil ist dann ein packender Aufruf. Auf zum (sicher nicht) letzten Gefecht.  Das EInstimmen in die Internationale klappte allerdings nicht so ganz. damals in Paris hatte angeblich der ganze Saal gesungen, so begeistert waren alle. Ebenfalls ein NO-GO, denn damit  war der unterschwellige kommunist. Geist geoutet. die Organisatoren des Kongresses als solche wahrgenommen. Der Vorwurf Johannes R. Becher war ja, dieses “zu früh” , “zu eigenständig”. Man singt die Internationale dann, wenn die Tagesordnung sie vorgesehen hat (In Paris stand sie nicht im Programm, sie sollte eher durch die Köpfe gehen, aber nicht von den Genossen initiiert werden). Also unser Singen war nicht so mitreißend, obwohl es die Reden allesamt waren. Aber ich bin mir sicher, dass die damals auch nicht die ganze Hymne gesungen haben, sondern nur den Refrain. Alex wollte aber die ganze einsingen lassen. schwer, da unentschlossene Stimmlage und komplizierte Melodie und zu viele westliche Teilnehmer. Wir können die halt nicht!

Nochmal zur Frage Spontanität der Rede. möglich wäre auch, dass er sie relativ frei gehalten hat, aber sich hinter den Stenographen geschnappt hat und noch ein bißchen dran gefeilt hat. Die Rede wurde auch prompt gedruckt. sie machte sich gut. Regler hatte genauen Nerv getroffen. Interessante EInblicke in Marketing-Mechanismen durch Workshopteilnehmerin,  die eine Werbeagentur hat.

Leider nicht genug Zeit, sich mit der Kritik der Genossen am Kongress (insbesondere  an Reglers Rede) zu beschäftigen. Im 2. Teil gings dann schon um die Stimmen der Hetzkampagne. A. als Regler. starke Übung. DIe Lust am Hetzen, lie Lust jemandem etwas an den Kopf zu werfen. es nahm kein Ende. immer noch eins. Wichtige Erkenntnis: je weniger man dem entgegensetzt, desto stärker die Wirkung. Am Ende blieb A. stumm. stärkste Momente.

Anschließendes Grillen war ungalublich. hier gingen die Gespräche weiter. oder sie entstanden erst. Grillkäse verbrannt. Sohn kaufte seltsames Bier mit Frapefruitgeschmack. Neue Freunde.

Dienstag, 18. 8.

Lektüre des Kantorowicz-Tagebuchs aus dem spanischen Bürgerkrieg. Seine Haltung zu Regler rührt mich, eine teife Verbundenheit spürt man bis hin zur Fußnote, aus der selbst große Enttäuschung spricht. das Tagebuch ist aber längst nicht so interessant wie das Bodo Uhses, das in seinem knappen, stenographischen Stil fast aussagestärker ist. Es entsteht, jedenfalls in der Zeit, in der Uhse nur schnell die Fakten notiert ein so klares Gerüst. die Assoziationen kommen ganz allein. Sehr authentisch.

Arbeit an der Lesung für die Bodo-Uhse-Bibliothek.

Traum verreisen zu müssen. Ein wichtiger Koffer ging aber schon verloren, als ich in den Bus zur Banhstation einsteigen wollte. er verschwand in der Masse, es war als rollte er weg. Nachlaufen zwecklos. Geld, Pass, Visa und der Stabiausweis waren weg. in dem Moment wusste ich aber erst, dass ich ja in den Bürgerkrieg reiste. Scham darüber, es ganz vergessen zu haben.

es muss mit der Lektüre zu tun gehabt haben. War eingeschlafen bei der Stelle:

“Abends wieder Alarm und Dunkelheit. Man hört nichts. Das traurige Geschäft des Kofferpackens geht mit vielen reden vor sich.” Das bezog sich allerdings auf die Abreise Uhses nach Paris. er hat den Bürgerkrieg erstmal hinter sich gelassen.

Erinnere mich jetzt an eine Stelle im Ohr des Malchus, das ich aber gerade verliehen habe und daher nicht genau weiß, on ich sie richtig in Erinnerung habe: Regler beschriebt Hemingway, der entweder nur mit einem einzigen Koffer in den Krieg zieht, oder seinen Koffer schleißlich zurückläßt. einfach so hinfährt. “Was brauchen wir als nur uns selbst.”

Dachte noch, dass das sich aber nur ein VIP-Kriegsteilnehmer leisten kann. ein paar Sachen braucht man doch.

(nicht nur aus meinem Traum weiß ich das)

Donnerstag, 2o. 8.

Termin in der Anna Seghers BIbliothek. Morgen. Doch noch! Große Freude.

Das Zitat, Hemingway betreffend aus dem OHR lautete “Ohne Hut und ohne Koffer” .

Freitag, 21. 8.

Von Panik ergriffen, es wird jetzt doch knapp mit der Zeit. Vor allem da das Geld der Augstein-Stiftung nicht kommt. Ich müsste nun eigentlich die SAAT absagen, aber ich habe zu lange auf die Förderung gehofft, nun läuft es schon an. Und es ist so wichtig! Witzigerweise habe ich gerade einen Nebenjob in Aussicht: Auftrag, Briefe von Marx und Engels handschriftlich zu kopieren für eine Filmproduktion (Ja eine dieser sletsamen Nebentätigkeiten, von denen man besser lebt als von Fördergeldern). Würde viel Geld bringen und wäre ja wohl die perfekte Finanzierungsart: Das Manifest neu schreiben! und das Geld rettet den Ruf des Genossen Regler.

Email bekommen von einem Workshopteilnehmer mit dem Betreff “Regler sei Dank”, hatte ihm das Ohr des Malchus geliehen.

Samstag, 22. 8.

Das Treffen mit der Leiterin der Anna Seghers Bibliothek war sehr angenehm; zwar auch hier herrschender Realismus: Wegen Regler kommt keiner.  Aber so ist es halt nun mal. Trotzdem ungeheuer ermutugendes Gespräch, Kontakt zu Anna-Seghers-Gesellschaft. und eine Lesung vereinbart. Wegen Regler kommt zwar keiner, aber wenn ein großer Name damit verbunden ist schon: Blanche Kommerell wird nun Briefe Reglers an Mieke lesen.

Es ist sozusagen der einzige private moment der Reihe. Das gefällt mir. Leider ist der private Moment (die Briefe sind wirklich sehr sehr schön!) eine Art PS. Es hatte ja eigentlich eine Matineeveranstaltung werden sollen, nach dem Samstag (31.10), als letzter Tag des Kolloquiums. Sonntags hat aber nicht nur die Bibliothek  geschlossen, sondern das gesamte Einkaufs-Center, zu dem sie gehört. Wenn man sie öffnen würde, müßte der gesamte Wachdienst, der das Linden-Center bewacht aktiviert werden. Unsummen würde das kosten. seltsame Vorstellung. Die Lesung wird nun am 3. 11. sein. Vielleicht kann ich Gemälde von Mieke bewegen und an die Wand werfen,die Schauspielerin darin sitzen lassen in den bunten Visionen einer besseren Welt, ein Schutzraum. Aber wie an Abbildungen kommen?

Nachmittags auch für mich erster private Moment seit langem. Mit den “Kindern” in Schöneweide an der Spree. Industriehöfe, Cafe und Museum, am Feuer in Liegestühlen. Mit der Frau von der Ausstellung (Collagen aus alten DDR-Papier) Postkarten ausgetauscht. Sie kam nochmal zurück und wollte zwei weitere. Freiwillig!

In einem kleinen Büchlein von Lenka Reinerova gelesen. Erinnerungen an ihre Freunde Franz Carl Weiskopf, Egon Erwin Kisch, Anna Seghers, Bodo Uhse. Es ist unterhaltsam, sehr ehrerbietig. Es beschwört den Zusammenhalt der Exilanten untereinander herauf. Nachvollziehbare Nostalgie, einleichtend. – ich stolperte über folgende Stellen:

“Vorbei, das alles soll vorbei sein? Die Tatsachen sprechen dafür. Ich aber weiß es besser. So lange noch einige, ja selbst nur ein einziger von uns, der zu der unwiederholbaren Gruppe von ständig durcheinandergeschüttelten und immer und überall wieder zueinanderfindenden Schar von Schicksalgefährten und Freunden zählt, so lange noch einer von uns auf dieser Welt atmet, nachdenkt, widerspricht [!], sich begeistert oder empört, von neuem etwas versucht, niemals alles aufgibt und sich an so manches erinnert, so lange sind eigentlich alle mit dabei. Ihr Leben wird behutsam aufgerollt, bejaht und verneint, wir denken an sie, wir lachen bis heute über ihre einst gemachten Witze und können dem Wunsch nicht widersstehen, von ihnen zu erzählen. Wie sie waren. Wie sie für uns weiter  sind” – Verständlich die Lust an der Veräußerung des Insiderwissens. Was mir bei diesem an sich nicht soooo interessanten Zitats so ins Auge sprang: es wird klar wie überlebensnotwendig dieses Miteinander gewesen sein muss. Wie aber muss dieses starke WIR  gewirkt haben für die, die rausflogen aus dem inneren Zirkel? Die, die “für uns weiter sind”, sind eben nicht die, von denen das WIR behauptet, dass sie weil sie NICHT FÜR UNS, GEGEN UNS sind:

“In Mexiko waren wir nun endlich wieder für längere zeit beisammen. Eine große Gemeinschaft europäischer Antifaschisten. Neben der tausendköpfigen EMigration aus Spanien war die deutschsprachige Gruppe die zahlreichste […] eine ganze Reihe von Schriftstellern. Da war es nur natürlich, dass Zeitschriften gegründet wurden, sogar ein eigener Verlag mit dem bezeichnenden Namen El Libro Libre, ein Heinrich-Heine-Klub”

Fliegt man raus aus dem Club (nicht nur dem Heine-Klub), ist man allein. Die Rausgeflogenen aber schmieden die Gruppe noch stärker zusammen. So nett sich das alles liest, was die Reinerova schreibt, die existenziellen Kämpfe wie auch die unbeschreiblich lustigen gemeinsamen Laientheateraufführungen, wie gnadenlos die Haltung gegen die, die ein bißchen zu deutlich “widersprochen” haben.

dennoch hat sie immerhin im gegensatz zu anderen später ihre Haltung zum Renegaten Regler revidiert. (steht sogar in Regelrs Wikipedia-Eintrag!) Und noch rührender finde ich das, was ihr mann Theodor Balk später nach der Lektüre vom OHR DES MALCHUS in einem Brief an eine Freundin schrieb: “Stell Dir vor, wir lebten nachher einer Stadt, in Mexiko, vier Jahre und mieden einander wie die Pest, oder um einen historisch konkreteren Vergleich zu geben: wie im Mittelalter ein Katholok einen Protestanten gemieden hätte. Wir waren einem Tabu verfallen, wir, die wir uns für Hyperrationalisten hielten. Ich weiß, ich weiß, Regler war in dieser Hinsicht nicht besser, aber dennoch kann ich mir das nicht verzeihen.”

Dienstag, 22. August

Teppich verlegt. ahnte ja, dass es nicht so leicht ist. aber wer hätte gedacht, dass eine Teppichbahn auch eine Richtung hat. legt man die Bahnen falschherum nebeneinander, sehen sie aus wie verschiedene Farben. Hellrot und dunkelrot. Chance verpasst, als Leo noch da war. nun habe ich wieder alleine rumgepfuscht. Das aber was UNTER dem Teppich verläuft ist das reinste vergnügen. Leo legte die Kontaktmatten aus. Nun ist das Atelier vermint. unter der tiefroten Teppichoberfläche  liegen die Verleumdungen. wer drauftritt löst ihren KLang aus. auch wenn man es weiß, erschrickt man.

Mittwoch, 23. August

Tonaufnahmen mit Karsten Troyke. Er las die Kischtexte in seinem perfekten kleinen Tonstudio. Bilderbuchklang einer satten, absolut überzeugten und auf perfideste  Weise überzeugenden Brusttonstimme. auch lange über die Parteiprotokolle gesprochen, die Geschichten über seine Großmutter und Brecht. die nicht zu unterschätzende Angst, die auch die etablierten hatten, die in den hohen Positionen. so schön die Profi-Aufnahme geworden ist, nach langem ABend auf dem vertrauten Sofa, zum Spaß nochmal hingesagt und vom zufällig eingeschalteten Notebook aufgezeichnet, in der Improvisation klang es sogar noch ergreifender. Aus dem Ärmel geschüttelte Authentizität der Verstellung.

Übrigens finden wir beide, dass Kischs vielgerühmt fieser Satz (“Regler ist der Autor, der  sich von seinen Büchern dadurch unterscheidet, dass diese unverkäuflich sind.”) irgendwie doch holpert. Genial ist er nicht. Eine gewisse Bemühung läßt sich nicht leugnen, finde ich.

Samstag, 29.9. 

heute offenes Atelier, sogar im ND groß angekündigt. Freut mich besonders. Zumal damals auch an der Hetzkampagne beteilgt.

reglerND

Sonntag, 30. 9.

Erschöpft wie selten – es ging so lang, es war so viel!  Interessante Runde, völlig bunt gemischt und extrem diskussisonsfreudig. es ging tatsächlich bis halb zwei Uhr früh. Zwar waren wir da plötzlich im Mittelalter angelangt, bei Luther und Münzer, aber das großartige ist, daß wir  immer wieder zurückkamen, daß alle mit einem Mal Bezüge zu haben scheint. Das Lesen im OHR war manchmal kaum möglich, weil so viel gesprochen wurde, gestritten (die reinste Freude), gedacht, angemerkt. Wenn ich aber dann las, hat die Sprache alle gepackt. Andacht über Den Satz – es war als Regler aus Vernet entlassen wurde, um man ihm mitteilte, wer alles sich für diese Entlassung eingesetzt hatte –

“Ich bin sicher, daß ich errötete; es war ein solcher Stoß gegen die Herzwand; als wenn man wirder aufgenommen würde in eine Familie, die man liebte.”

Dann Tagebücher. Und der Brief von Theodor Balk.  Diese Materialien lasen die Gäste, die Texte standen im Raum und man warf sich drauf.  Was ich gar nicht zu hoffen gewagt hatte: dass tatsächlich auch – so gegen 22 Ihr, als schon der Wein geöffnet war – viele Besucher auch Sätze einlasen. Zu ganz später STunde, es waren noch Jan Schad vom Stadtmuseum und der Regisseur Bernd Bajog da, nochmals das Oskar Maria Graf Statement gelesen, das sich auf Regler in Moskau beim Schriftastellerkongress 1934 bezog, der Vorwurf, er sei “Katechet”, ein “Sekretät des Kommunismus”, ein  zu hundertprozentiger” Musterschüler”. Hatte nicht gewußt, dass Bernd Bajog ohne Brille nicht lesen konnte, es entstand in der Improvisation ein so hinreißender Streit, sogar noch mitreißender als die Streitgespräche früher am Abend.

Da übrigens kam auch endlich die Rede auf Otto Katz – hatte ja ursprünglich ein Thema sein sollen an diesem Abend, aber wir waren einfach zu sehr  mit anderem beschäftigt gewesen – allein als man über das Wort “Sopsismus” stolperte in dem Brief von Theodor Balk, fand ein Exkurs statt in die Gefilde der Philosophie, der Wahrnehmung, der uns am Ende beinahe noch zur Quantenmechanik gebracht hätte.

Jan hatte das Prozessprotokoll des Slanski-Prozesses mit. aber das ist ein anderes Kapitel.

das letzte Atelier war ja eher ein ruhiges gewesen, eher wenige “echte” Besucher, viele Projektbeteiligte. Nun war kein einziger Projektbeteiligter dabei, aber eine eingeschworene Gemeinde ist entstanden. Seltsamerweise bin ich nicht ganz glücklich. der schöne Erfolg. und niemand da, mit dem man ihn teilen kann.

Montag, 31. August

Nun kam Bernd Bajog spontan vorbei und wollte weiter reden. Gespräch auf der Bank auf dem Tuchollaplatz über den Nahost-Konflikt – richtig, den hatten wir am Samstag auch gestreift. Und über Marx und die Notwendigkeit, daß die Philosophie – eine angewandte und keine abstrakte sein dürfe. DAs GUte ist, dass es auch ein praktisch veranlagter Mensch ist. Man kann mit ihm sprechen UND er hat einen Akkuschrauber, der besser ist. Möglicherweise krieg ich das dritte Loch in die Wand im Laufe der Woche.

Eine von den anderen GÄsten, die Dank des ND-Artikels da gewesen waren, schrieb Brief, sie hatte noch Texte gefunden, die eine ganz neue (für mich wahrscheinlich überraschende Antwort auf die Frage “wieviel Idealismus verträgt eine große Idee” gäbe.) es waren Texte über Matriachat und Spiritualität. Ich war wirklich erst überrascht  – die vielen Ausrufezeichen am Rand des Papiers, die unterstrichenen Zeilen.  Irgendwann aber klärte sich etwas, es passt durchaus. Regler, der so lange gekämoft hatte, sich so lange hatte einfügen müssen in die Hierarchien, die Gedankenaperate – der so lange die Systeme gestützt hatte mit seiner rückhaltlosen Idealismus, der aber in dem Moment, als er den Aperat in Frage stellte zum unhaltbaren und vielleicht auch haltlosen Anarchisten mehr oder weniger vogelfrei erklärt wurde, fand schließlich zurück in die Spiritualität. Der ehemalige Katholik saß in Mexiko unter dem Sternenhimmel, auf alen Tempelruinen, Inka/Maya-Pyramiden – was weiß ich wo und fand in eine neue Spiritualität. Ganz sein lassen konnte er die Welt und ihre angesetzten Maßstäbe  nicht, aber losgelassen hat er. Manchhmal muss man eben weggehen. oder nicht mehr zurückkommen. Reisen.

Freitag, 4. September.

Anfrage des Willy-Münzenberg-Forums, die einen Kongress Mitte September haben, der auch einen Lesemarathon beeinhaltet. Regler Texte lesen. wie großartig! Und wieder Dank des ND-Artikels. wie sich alles vernetzt. wußte ja nicht einmal dass es ein solches Forum gibt.

Samstag, 5. September

Nach Kaulsdorf gefahren, wollte nur die langsam fälligen Stabi-Bücher, die wir nicht mehr brauchen von Alexander holen. dann großes Chaos (vorgefunden? verbreitet? verursacht?). Es ist wieder so viel Redebedarf. A. diktiert mir  – zwischen gepackten Koffern, Telefonaten mit der Wäscherei, die noch abzuholende Wäsche hat, und mit der Anna-Seghers-Bibliothek, die sich offensichtlich noch nicht in verbindung gesetzt hatte wegen der Mieke-Lesungf – seine Ergebnisse der Bundesarchivs-Suche. Sitze da wie Sekretärin. Wenn ich Fragen stelle, sind sie meistens “Quatsch!”. Er ist so voll von Fundstücken, saß da auf seinem antiken Thron zwischen den Büchern, sehr fern und unerreichbar. Ich konnte nur mitschreiben – und hoffen dass ich alles habe. Zum Erzählen meinerseits war keine Zeit. Nicht mal das schöne letztre Atelier, konnte ich ihm berichten. Es ist ein Ungleichgewicht, dass ich nur ausgleichen könnte, wenn ich ihn begleiten würde ins Archiv, aber dazu habe nun wieder ich keine Zeit. Auch ist er ja jetzt weg. Es ist echt schade, dass jeder für sich ackert und gräbt. ebenso alle anderen. es gelingt mir nicht ein Ensemble zu schaffen. Dazu braucht man mehr Geld und mehr Zeit. verdammt. verdammt. verdammt.

Montag, 7. September

In der Nacht, wieder so eine Wehmutwelle hatte mich ergriffen, weil niemand da ist, sich zu freuen wie toll alles läuft, rief L. an und fragte nach Plakaten, die er kleben will und Postkarten verteilen. Hatte leider keine Karten mehr. Dringend nachbestellen!  Weiß nicht wieviel, weil ÖA-Topf zur Neige geht und noch nicht klar ist, ob die Rosa Luxemburg Stiftung fördert. Egal Egal. Langes Gespräch über Regler und Hemingway und Frauen.  auch über das mit dem Matriachat.

Dienstag, 8. September

In “Sohn aus Niemandsland gelesen”. noch persölnlicher und an vielen Stellen poetischer als das “Ohr des Malchus”. Ich soll morgen etwas lesen bei einer Solidaritätsveranstaltung auf dem Rosa Luxemburg Platz – für die Flüchtlinge und dachte, es passt: die vielen Fluchten, die Grenzübergänge, das Wandern zwischen den Wänden. Das Exil. Natürlich passt es, aber es passt auch wieder nicht. bin mir nicht sicher. Könnte auch knapp daneben sein. Auch weiß ich gar nicht, für wen wir da lesen. wer hört es? wer versteht es?  feiern wir unsere eigene Solidarität? lesen wir Flüchtlingen vor, die vielleicht gar kein Deutsch verstehen? oder ist es in Ordnung sich zu erinnern an die eigene Vorgeschichte.

ansonsten guter Tag gewesen. Bibliotheken.

Schöne Begegnungen in der Bodo Uhse Bibliothek,  und erstes konkretes Gespräch bei den Kischs, das mich ungeheuer erleichterte. Möglicherweise Mißverständnisse. Freilich ist ein Palakat, das jemand abhängt oder nicht aufhängt nicht immer gleich ein Verrat oder ein Dolchstoß. Muss eventuell lernen nicht alles persönlich zu nehmen. aber verdammt, wie denn sonst wenn nicht persönlich. Unpersönlich ist langweilig. Und die Sind ja auch teuer. Nicht vergessen: Die Leute von der Kisch Bibliothek sind nicht Kisch!

Und erstmals Bücher zurückgegeben an die Staatsbibliothek. es waren halt auch wirklich zu viele. fühle mich fast erleichtert, weil ich nun weniger zu lesen habe. Bloch weg, Becher, weg, und ein paar von den Doktorarbeiten und Marx und Engels. aber Engels habe ich dann doch wieder mitgenommen. Er ist mir zu tiefst sympathisch. Für später aufheben. für nach dem Projekt.

Mittwoch, 9. Sept

Schöne Saatprobe. eigentlich sind wir nicht so sehr weit gekommen, aber das macht nichts. generell zeigt sich, dass die Texte funktionieren. (Ebenso zeigte es sich, dass ich es mal wieder hingeriegt habe, drei unterschiedliche Fassungen zu verteilen an jeden von uns dreien, von denen die denkbar schlechteste bei Christoph ( Joß Fritz) gelandet war. Tatsächlich hatte ich damals als ich Christoph den Text gab, so lange rumgeeiert (stunden lang im Copyshop gestanden, um es saueber zu machen, die STriche übersichtlich, die optionalen Striche nicht zu verwirrend usw, nicht zu viel Kopierränder usw), bis ich ihm wohl die verworfenen Stellen in die Hand gedrückt hatte. KLasse. nun hatte er alle Seiten, die wegfallen sollten, alle Seiten, die nur in so fern relevant waren, als dass ich hier und da mal einen einzelnen Satz daraus rauspicken hatte wollen.  Es ist halt ein schweiriger Roman. ist einfach so. wie habe ich ihn damals verschlingen wollen und wie sehr bin ich doch darin stecken geblieben. er ist so interessant, so wichtig, aber ich blicke manchmal nur durch, wenn ich eine Landkarte zur Hand nehme oder besser gleich Wikipedia. SO viel Mittelalterliches, so viele Feldzüge von hier nach da und wieder zurück – eben  so viel Fernes und auch viel Umständlichkeit. Klaus Mann gratulierte Regler damals zu seinem großen Projekt, aber fand halt doch, dass dem Buch das persönliche Feuer fehle, das Glühen, wie es die anderen Bücher hatten.  der Text eignet sich aber sehr gut, um ihn zu kürzen; die Stellen, die einem förmlich umhauen. die vor Aktualität nur so strotzen und doch so subtil sind, so klug und weitsichtig. So vieles steht darin zum Thema Glaubenskrieg, Feindbildern, Machtinteressen. Von der Bordellszene, mit der wir beginnen mal ganz zu schweigen, sie ist einfach hinreißend.

nun hatte Christoph also genau diese Stellen nicht in Händen. Rechne es ihm hoch an, dass er trotzdem guter DInge war und so offen war. Ich hätte bestimmt gleich gemeckert. Um so überraschterw ar er dann von der Neuentdeckung. Die Gespräche über die bösen Türken. Es wirkt zuweilen wirklich, als unterhielte man sich mit Pekida-Anhängern und stritte über den IS. trotzdem hatte alles eine schöne Leichtigkeit.

Übrigens überraschend homoerotisch aufgeladen das Ganze. aber das passiert vielleicht einfach, wenn Männer durch Kriege fliehen. Kämpfen wollen oder nicht wollen, dem Krieg zu entfliehen wollen, indem sie sich in den nächsten stürzen. An eine Sache glauben und feststellen, dass Glaubenssachen immer zu Kriegen führen.

Sehr erschöpft danach. man hatte sich entzündet an diesem großartigen Text, danach zusammengefallen wie ein Batura-brot in dessen fritierte Kruste man sticht. EIngeschlafen um acht Uhr abends, leider wach geworden um 1:00. Tagebücher gelesen.

Freitag, 11. September

An Installation gearbeitet. Das multimediale Minenfeld wächst, aber der Teufel im Detail der Technik. Man kann jetzt auch die Projektionen auslösen, indem man zufällig auf bestimmte Kontakt-Stellen tritt, die der rote rote Teppich verbirgt. leider verlieren die Filme dabei die ihnen zugewiesenen Filter. manche Effekte fallen damit weg. auch muss ich die zu dunklen Filme, die ich per Filter unaufwendig aufgehellt habe nochmal neu bearbeiten. Alternative: Bedienungshandbuch studieren.

Samstag. 12. September.

Habe mich gegen die Alternative entschieden. Handbücher gehen über meinen Verständnishorizont. beim Bearbeiten der Filme dafür neue Ideen bekommen. Da öffnete sich beispielsweise eine Datei, die ich ganz vergessen hatte: Annemay Regler, die Nichte hatte mir letztes Jahr im Mai in ihrem Archiv Fotos gezeigt, ich durfte auch welche abfotografieren. da war sie plötzlich: der kleine Bach in merzig, in GUstavs Heimatstadt. hier wäre er beinahe ertrunken als Kind, weil die größeren Jungs ihn überredeten im seichten Wasser der Schleuse zu spielen. Dann fluteten sie den Kanal und Gustav ertrank um ein Haar. Das alte Foto zeigt andere Kinder, sie stehen am Damm, es sieht harmlos aus. Ich habe das BIld nun selbst geflutet. Sieht schön aus. Wassermassen (Badewanne und Meer um Kreta) füllen den Merziger Bach und stürzen auf den Betrachter ein.  Ansonsten Bilder aus dem Bürgerkrieg, zerstörte Innenstadt von Madrid, Männer in Schützengräben fangen an zu schießen und gehen in Deckung hinter dem “großen Ohr”.  Das Ohr gefällt mir noch nicht.

Donnerstag, 17. September

Interview, Deutschland Radio Kultur. wunderschöner Spaziergang durchs BLO-Gelände, die Ausstellungm bis hin zur Paul und Paula Buchhandlung. Wenn man über seine DInge spricht, werden sie klar.

Freitag, 18. September.

Gestern schöne und ergiebige SAAT-Probe. Das einzige nervt, dass ständig Seiten im Text fehlen. Schlecht kopiert, in EIle, im falschen Laden. das hält dann auf. Ach Mann!   – Nachts in den Tagebüchern gelesen. Auch gestern mit Christoph Schlemmer den Tagebuchtext aufgenommen, in dem Regler kurz vor seinem Parteiaustritt seine Diskussionen mit Egob Erwin Kisch reflektiert. Er sieht alles voraus: die Feindschaft, die entstehen wird, die Vorwürfe, beinahe schon die ganze Hetzkampagne. CHristoph ist ein wunderbarer “Regler”, er hat so eine positive Ausstrahlung. das was Kantorowicz über Regler sagt – dass dieser so etwas “Helles” gehabt hätte, “alles an ihm war hell”, das trifft auch auf Christoph zu. der Text soll – aus dem scheinbaren nichts kommend das Kolloquium in der Kisch-Bibliothek einläuten.  Beim Scannen des Textes für Christoph, stolperte ich auch wieder über das schöne Hochzeitsbild. Es ist klein und leider nicht so gut aubgedruckt in dem Tagebuchband. Es berührt mich weil die kelinen Gestalten so wirken, als wären sie allein auf der Welt. für einen Augenblick Ruhe.

Samstag, 19. September

Beinahe ein kleines offenes Altelier.  – Ich hatte ja beim letzten offiziellen Atelier so tolle Tonaufnahmen gemacht von Jan Schad vom Stadtmuseum und dem Filmemacher  Bernd Bajog, der mit Schad so schön stritt. Die Vorwürfe die Oskar Maria Graf Regler 1934 beim Kongress in Moskau machte schienen auf Jan niederzuprasseln; ich hatte Bernd die Graf-Zitate in die Hand gedrückt und ein toller Dialog entstand. Sternstunden zwischen Inorovisation und Text auf den Punkt bringen… – leider muß ich wilh vergessen haben die Aufnahmetaste endgültig zu drücken und die herrlichen bayrischen Töne drangen nicht weiter als bus zur Schwelle der Standby-Taste. Hatte schon gestern versucht die Aufnahme zu wiederholen, aber dann bot es sich an, das Ganze mit Jan zusammen zu wiederholen, der auch ein Gedicht einsprechen wollte. Nun habe ich alles nochmal und neu. hat Spaß gemacht, aber ich wage nicht hineinzuhören in die Aufnahme, von der ich kaum glauben kann, dass ich ihre Technik im Griff hatte. Das Band lief lang, denn die DIskussion ging lang, sie ging vom Vorwurf des Katecheten – und Musterschülertums über das Tragen von Lederhosen in Moskau, über Bücher die verbrannt wurden (die von Graf wurden es nicht, was Graf – der von Hitler geschätzt wurde – ärgerte), über Stalins Musikgeschmack , über das Moment des Zufalls in den den großen Revolutionen, über Clausewitz, Napoleon und über die Frage ob nicht jedem großen System, basierend auf einer großen Idee,  bereits ein immanenter Stalin innewohne, der es pervertieren erstarren und ersticken läßt.

Sonntag, 20. September

Heute ist der Lesematathon beim Willi-Münzenberg-Kongress. Warum bin ich so aufgeregt? die genau eingetaktete Zeit nicht zu überschreiten? (es würde sich der Lesebeitrag von Gesine Lötzsch verschieben – na und? Ich lese ja leider nicht am Anfang nach Gregor Gysi oder Marion Brasch), weil wieder so viele französische Wörter drin vorkommen? weil ich imme rnoch nicht weiß, ob ich was über die Zusammenarbeit am Braunbuch lese oder das mit den Hilfsgütern, die Münzenberg nach Vernet geschickt hat. letzteres ist die spannendere Geschichte, ersteres enthält mehr Beschreibungen von Münzenberg.

Montag, 21. September.

gestern Nacht lange an Egon Erwin Kisch herumgedoktort. (bis beinahe vier!) habe ihn zum rauchen gebracht und fiese Dinge sagen. zum auf youtube-stellen reicht die Zeit und die Kraft aber nicht mehr. bin überhaupt etwas ausgelaugt von der Werbung. DIe vielen bösen Worte, die die Ausstellung prägen brauchen ein Gegenstück, eine geheime Oase. es ist mir ein kleines BIld, aber ich habe heute weitegehend mit diesem schönen Ausblick verbracht: ein Dia erzeugt von dem Bild das Regler und Marieluise in Mexiko im Garten zeugt. habe es coloriert und ein wenig ins dreidimensionale verschoben. es keuchtet in einem alten “Gucki”, vorsintflutlicher Projektionsmaschine, noch unbewegt, aber sehr schön. ein geheimer Augenblick jenseits der Welt der bösen Zungen.

DSC_0037

Samstag, 26.9. Ausstellungseröffnung.

wunderbare Nacht. es hat funktioniert. das herumräumen bis zur letzten Minuten, der geliehene Staubsauger, den wir zu zweit aus der Wohnung meiner Nachbarin schleppten zum Atelier, der rote Teppich, endlich sauber, samtig und eine vermeintlicher Ruhepol über dem Kabelgewirr, den gordischen Knoten durch die das Verleumdungsgeflüster geht. kanns nicht fassen, dass alles geklappt hat. der Vorraum war eher der ruhige Gesprächsraum. Sitzgruppe, Gespräche, Bücherblättern.das Minenfeld aber, mal laut mal leise. Viele Leute, zum Glück nicht alle auf einmal. Was komplett neu war: die Entdeckung, dass die Filme und Töne nicht nur einfcach nur ausgelöst werden, sondern die Leute auch die Mechanismen einsetzen. irgendwei haben sie schnell kapiert, dass die laute Internationale und der überfließende Merziger Kanal sich gegenseitig ausschalteten. Konkurrenzdrücken um die Wette. Bernd will die Internationale, aber gleichzeitig will er am anderen Ende des Raumes parallel zur Internationale den Trommelwirbel (wieder schräg gegenüber im Raum) auslösen. Lauern auf: wer setzt das Internationele-Radio in Gang. Man hüpft sich ein Orchester zusammen. In der Kantine dann die Band, kam echt gut an, kurzes Konzert, sehr schön. ging trotzdem bis lange in die nacht hinein. Angestoßen mit Plastikbechern und Wein.

Sonntag, 27. September.

Nur die Käsebrötchen haben sich nicht verkauft beim Konzert. Berg in meiner WOhnung. man kann sie noch aufbacken. Ruhe heute. erster Tag seit langem. Kantine AUfräumen fiel zu, Gelück aus, da niemand kam und die Podeste allein nicht zu bewegen waren. habe lediglich gefegt, nachdem die Musiker ihre Instrumente abgeholt hatten. ein gesittettes Konzert. und ein herrlicher Herbsttag. Rausgefahren.

Uhse-Probe. Kampf mit wieder verschiedenen Kopien und tausend Fassungsvarianten. Wieder das Kopierladenproblem. der neue Laden ist Schrecklich. ich glaube es gibt zwei wichtige Ruhepunkte in emienem Leben: Freecell-Spielen am Computer (das Kartenlege-Spiel wo alle Karten durcheinander liegen und man die ordnung durch umständliches Auslagern hin und herbaut. es ist wie Probenpläne machen oder con eier 5 Zimmer WOhnung in eine Dreiraumwohgnung umziehen und Kisten schieben von Küche zu Bad um überhaupt treten zu können). Der andere Ruhepunkt: In Kopierläden Fassungen zusammen basteln, Kopien aus Büchern, Auschneiden, kleben, vervielfältigen, sortieren.  überfüllter Copyshop in der Frankfurter Allee (20 Kopiergeräte auf engstem Raum. Arbeitsmaterialien sind an Tisch gekettet, Folterbereich.). Dauernd falsche Fassung kopiert. sortierung durcheinander. Seitenzahlen vergessen. Albträume. Unglücklich. Kampf mit Papier, das doch sonst immer geduldig war.

Trotzdem schöne Küchenproben. Ich mag Uhses Tagebuch. Es zu viert, bzw. zu dritt zu sprechen ist wie ein kühles sachliches Stenogramm zu einem mehrstimmigen CHor von multiplen Persönlichkeiten aufzubrechen; es wir plötzlich persönlich. sehr stark. Allerdings Angst vor der Länge des Abends. ich dachte er wird kurz. das Lesen in der Küche aber hat sich angefühlt wie: er wird 3 Stunden lang. STreichen. kürzen. Ausdrucken. Kopierladen.

Samstag, 3. Oktober.

die Lange Nacht war unglaublich. LANGE NACHT DER BILDER. Ich hatte Angst davor gehabt, nachdem der gut dosierte Besucherstrom am 26. perfekt schien für die Installation. gut besucht, aber keine Massen auf einmal. Die Eröffnung der Langen Nacht, die ausgerechnet in den BLO-Ateliers stattfand mit Politprominenz, Auktionen und riesigem Büffet, drohte Albtraum zu werden. wo doch der Raum so klein ist und so laut, je mehr Leute drain sind.  Und nun wars sogar noch toller als vor einer Woche. das müssen 250 Leute gewesen sein oder 500? keine Ahnung. Okay, viele gingen einfach nur durch oder drückten sich im Raum rum, ließen trommeln und gingen wieder (einer nahm einen Knopf mit und setzte den merziger Kanal außer Kraft). Aber so viele blieben. ich kannte keinen einzigen Menschen, nur Angelina, die beim Kantorowicz  dabei ist. sie half mir auch die Handtuchtrockner-Texte um zu spulen. die Rolle war zu Ende. die Zitate “ausgelesen”. Trotzdem blieben so viele hängen! nicht zu fassen. ein Pärchen nutzte Leos Mikrofoneinrichtung (man drückt eine Knopf und spricht in das seltsame NAchbauteil, das wie aus den 40er aussieht, der Klang wird in den Flur übertragen auf eine schwebende Metallplatte und klingt als wäre er gefiltert und durch die Zeit gereist. Als ich von Klo kam tönte mir im Flur Reglers Rede vor dem Literaturkongress 1934 entgegen. inbrünstig und in voller Länge (der allerdings von Alexander Tull gekürzten Workshop-Fassung)! seine Freundin aplaudierte. die waren echt begeistert. Viele Visitenkarten. Ideen eine Tournee. Räume in Braunschweig? eine Lehrerin will ihre Schulklasse bringen und am 17. Okt. einer seine Hochzeit ausdehnen in unsere Räumlichkeiten. wirklich?  – heute morgen freilich etwas ernüchtert. das sind so HIrngespinnste in der Begeisterung der Nacht. Mal sehen. Ausstellungstournee wäre toll. vielleicht wird man arm dabei. mal sehen. Hochzeit? dann werde ich den Mieke-Regler-Augenblick, der Film, der nicht länger als ein Daumenkino ist, verlängern und in die Ausstellung integrieren.

Sie wächst ja eh dauernd. Als ich kurz vor dem Beginn der langen Nacht mit dem Beamer kämpfte – seit mein Computer bei der technischen Einrichtungsprobe der Renegaten-Leusung mit dem Beamer-Board der Bodo-Uhse-Bibliothek fremdgegangen ist, stimmten die Monotorauflösungen nicht mehr und alle Filme waren in der Platzierung verrutscht – bestückte Leo noch die Munitionskiste. sie ist jetzt mein Lieblingsobjekt. man macht sie auf und blickt auf ein wirres Gebilde aus dröhten und eine Stimme quäkt einem entgegen. Es ist Leos, aber es könnte auch die der Pandora sein.

Apropos Büchse: jemand hat auf der Auktion meine Renegat-Drink-Dose ersteigert. bin total stolz.

ansonsten glücklich, sehr müde. Nun muss nur dieser 5. Oktober klappen und ich habe wieder Luft. Uhse Uhse Uhse.

Mittwoch, 14. 10.

erste Probe für die Lesung der SAAT. es ist unglaublich, wie sich der Raum verwandelt, wenn die Bühnenpodeste in der Mitte stehen. der blutrote Teppich darüber liegt. eine Insel, ein Boxring, eine ferne Welt. Eigentlich müsste man ein ganzes STück daraus machen. Schöne, beinahe sehr ergiebige Probe, trotz permanenter Störungen, Getränkelieferungen und eines plötzlichen Castings das Joß Fritz hatte. Immer haben sie Castings, diese Schauspieler. und immer muss man sich dann schämen, dass man nicht genug zahlt. dieser Belehrung, dass die auch von was leben müssen, diese Schauspieler, kann man nichts entgegensetzen außer Geld, das man nicht hat. defintiver ENtschluß meinerseits nurnoch Bücher zu schreiben. der Cast der Papierwerke ist so bedingungslos. Freilich ist er auch manchmal nicht so lebendig wie die Bühnenbesetzungen.

Donnerstag, 15.10.

Schon wieder von Bodo Uhse geträumt. seltsam seltsam. Regler ist mir noch im Traum erschienen. und die Uhse-Lesung liegt hinter mir. sie war bisher das einzige nicht soooo befriedigende Ding. Publkum hätte lieber Volkshochschulvortrag gehabt, als unvorbereitet in den Spanischen Bürgerkrieg zu ziehen. “gezogen werden” hat wohl nicht so geklappt. sehr schade, denn genau das war mir so wichtig, jenseits der Erklärungen und der historischen Haltepunkte, genauso hineinzustolpern und völlig unvoreingenommen in den Tagebüchern zu blättern, die zwischen den Zeilen viel stärker sind, als im Namedropping und in der Geographie. Ungünstige Umstände. Warteschhlangen vor den Toiletten, keine EInrichtungszeiten für die Videos. verspäteter Beginn Nun habe ich eine tolle Collage gemacht, so viel Aufwand und den meisten Spaß hatten die Mitwirkenden? Semipärmeabler Zauber. Angekratzte Magie. Es kratzen aber auch echt viele Dinge. Und Bodo Uhse? Warum kratzt der immer noch in meinen Träumen?  Es ging um einen Kongress, der darüber entscheiden sollte, ob die DDR wieder eingeführt werden sollte. insgeamt ein nettes Event, keine unangenehme Veranstaltung. sie fand im Deutschen Theater statt. Ich saß mit Uhse in einer Loge. Von den Logen aus konnte man aber auch mitsprechen. (wie bei Star Wars, diese Tagungen, wo die ganzen Abgeordneten in komischen Schalen sitzen in einem riesigen Saal. wenn sie sprechen, fährt ihre Loge nach vorne.) Meinungsverschiedenheiten mit Bodo Uhse, aber anregende Begegnung. brilliante Dialoge, leider nach dem Aufwachen vergessen. Man lief sich auch später immer wieder über den Weg. irgendwann fiel mir ein, dass er nicht alt geworden ist. dass er eigentlich schon tot ist. ich bedauerte das von Herzen und  es war mir sehr peinlich, denn offensichtlich lebte er ja. ein Mißverständnis, ein Fehler.  Traum war in schwarzweiß. das ist selten.

Nun ist gleich Probe, ich sollte losgehen. EInkaufen. ich komm heute nicht richtig in die Gänge. Kopfschmerzen. Gehirnerschütterung. Zahnweh. Draußen sieht es nach November aus.

[hier bricht das Tagebuch leider ab, die Endproben, die zu den finalen Veranstaltungstagen hin sehr stressig waren, ließen keine Zeit zum Schreiben.  daher hier stattdessen der rückblickende Sachbericht. und ein paar Links.

generell war die interdisziplinäre ein großer Erfolg. besonders die Ausstellung – die 2016 nochmals gefördert wurde und verlängert und erweitert werden konnte. Die Lesung der Saat ließ kam so gut an, dass wir beschlossen sie zu einer Inszenierung auszubauen. momentan (Oktt. 2017 sitze ich gerade an einer Fassung, das Projekt wird im November 2017 im Theater unterm Dach aufgeführt werden. eine hinreißende wilde veranstaltung gab es auch im Museum Lichtenberg, die mehr oder weniger Jam-Session zu dem Kantorovicz-Gedicht “der Fehler des Genossen G.” ist mir das Liebste gewesen, kann nicht sagen, warum – größer war Die Saat-Lesung, bunter sinnlicher das multimediale Minenfeld. aber das rückwirkende musikalische Nachspüren eines so peinlichst-umstädnlichen bürokratisch-tragischen Vorgangs mit tollen leuten zusammen, teils in der DDR aufgewachsen, teils im Wesen, die schräge Blasmusik, der antik-anmutende-PArtei-Chor… ich bin ein bißchen traurig, dass alles so schnell vorbei geht. Jetzt waren wir – eine kurze zeit – in ferner zeit eine Art Echo zu einem unfassbaren Prozess. die “Eidesstattliche Verleumdungen” waren hochinteressant für mich. ich komme darauf zurück.  ]

SachberichtEIDESSTATTLICHE-VERLEUMDUNGEN_kl

Advertisements

2 Responses to EIDESSTATTLICHE VERLEUMDUNGEN – Projekttagebuch

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s