GUSTAV REGLER PREIS

GUSTAV REGLER Förderpreis des Saarländischen Rundfunks für Miriam Sachs Merzig, Mai, 2014

Laudatio von Hinderk M. Emrich auf Miriam Sachs für ihren Text „Die Heimkehr“ in dem Buch „Heimkehren“

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Eine Laudatio auf die Künstlerin Miriam Sachs, die Schriftstellerin, Regisseurin, Schauspielerin und Filmcollagistin, zu halten, ist nicht nur eine Freude und Anerkennung, sondern auch eine Herausforderung: denn das facettenreiche und höchst vielgestaltige anspruchsvolle Oeuvre von Miriam Sachs verlangt eine multidimensionale Würdigung und Darstellung. Diese möchte ich Ihnen vermitteln unter der Überschrift „Polyphonie und Synthesis – Zusammenschluss und der Klang der Widersprüche“.

Synthesis: das ist ein Begriff, den Immanuel Kant in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ verwendet, wenn es um das Rätsel geht, wie die widersprüchlichen Dimensionen unserer Geistes- und Seelentätigkeiten sich in der Welt unseres Bewusstseins zusammenfügen lassen. In Miriam Sachs´ theatralischen Entwürfen beherrschen diese Synthesis und die damit verbundene Polyphonie – als das Zusammenfügen von tiefen Widersprüchen – ihr künstlerisches Schaffen in Theater und Film, in Collage und Illustration, und in ihrer Arbeit als Schriftstellerin und Autorin. So schreibt sie über sich, die ihre Theaterarbeit für die nächste Zeit ausgesetzt hat, um sich ganz dem Schreiben zu widmen: „Das Prinzip der Collage ist mir … wichtig: Dinge zusammenzubringen, die auf den ersten Blick nicht zusammen zu passen scheinen: kleine Dinge mit großen, Erhabenes mit alltäglich Banalem: die griechische Antike mit Anachronismen aus den verschiedensten Zeiten und persönlichen Assoziationen, um sie aus ihrer Entrücktheit heraus neu auf den Tisch zu bringen und greifbar zu machen.“

Für dieses Konzept, und – damit verbunden – ihren Text „Die Heimkehr“ in ihrem Buch von 2013 (Kleist-Archiv Sempdner und Autoren „Heimkehren – Material und Notate zur Krieg-im-Kopf-Laborreihe“) erhält sie nun verdientermaßen den Gustav-Regler-Förderpreis.

Der Text „Die Heimkehr“ handelt von der Rückkehr des Amphitryon aus dem Kriege hin zu der noch nicht angetrauten Alkmene. Da ist aber ein anderer Mann, ein göttlicher Rivale, mit Alkmenes Worten beschrieben: „Aber er steht ja schon in der Tür, strahlend, und reißt sich die Kleider vom Leib. Unversehrt denke ich und bin stolz und glücklich – ein Bild von einem Mann! – und falle ihm um den Hals, küsse ihn.“

In Miriam Sachs´ Darstellung geht es nicht nur um Amphitryon und Alkmene: es geht auch um den göttlich gezeugten Sohn Herakles und dessen Beziehung zu seinem Vater Amphitryon. Es geht um Schicksal, Traumatisierung und mögliche Formen von Heilung. Der Text zeigt in seiner Multidimensionalität und Vielgestaltigkeit Formen der Übertragbarkeit der antiken Mythologie – und deren archetypischer Hintergründe – auf die Gegenwartsrezeption von Traumaerfahrungen, Schicksalseinbrüchen und existentiellen Verwerfungen.

Miriam Sachs hat in München Literatur und Geschichte studiert. Dann hat sie am Deutschen Theater in Berlin als dramaturgische Assistentin für Thomas Langhoff gearbeitet; sie wurde Schauspielerin und Regisseurin. 2005 erschien ihr Debütroman „Reise nach Jerusalem oder 141 Tage warten auf Grünstein“ sowie 2010 der zweite Roman „Kleist in meiner Küche“.

Im Sinne der dargestellten Polyphonie der Widersprüche hat Miriam Sachs in Berlin das „Film-Riss-Theater“ gegründet und darin faszinierende Geschichten erzählt: über Heinrich von Kleist und seinen Suizid, über Odysseus und seine Trauma-Rückkehr aus dem Trojanischen Kriege. Und schließlich über Franz Kafka, der ins Kino geht und über seine Verlobte Felice Bauer, der er wie ein Ertrinkender ein hilfesuchendes und zugleich abwehrendes Briefwerk schreibt.

Über den Film-Riss sagt sie: „Ich habe schon lange meine Liebe zum Kino; aufgewachsen bin ich in einem Haus voller Kinogeschichte, alten Projektoren und Filmplakaten an den Wänden, einem Schneideraum im Keller, aus dem seltsame Geräusche kamen, Tonspuren spielten sich vorwärts und rückwärts ab… Wenn man eintrat in diese Unterwelt, ringelten sich 35-mm-Filmstreifen am Boden wie Schlangen.“

Ich selbst hatte das Glück, an drei ihrer Inszenierungen mitzuwirken und habe mit viel Freude und Begeisterung als Spontanschauspieler und Experte des Psychischen für Miriam Sachs´ Inszenierungen auf der Bühne gestanden: zum Thema von Heinrich von Kleist´s Suizid, zur Rolle der Lotos-Droge in der Heimkehr des Odysseus und – zuletzt in Wien – zu den Trauma-Briefen Franz Kafkas an Felice Bauer. Das waren faszinierende Stationen auf Miriam Sachs künstlerischem Wege, zu welchem ich ihr eine glänzende weitere Fortsetzung wünsche als Schriftstellerin, Autorin und als Collagistin einer Polyphonie des Ganzen.

Prof. Hinderk M. Emrich

 

BLICK VOM ELFENBEINTURM IN DER HOFFNUNG AUF GUTE FERN-SICHT

Dankesrede von Miriam Sachs,

Ich hatte mir immer vorgenommen, dass wenn ich mal einen Preis bekomme, ich diese Nachricht ruhig und gelassen hinnehmen werde, so als wäre das zwar eine Ehre, aber durchaus keine Überraschung. Aber als der Anruf aus Merzig kam, war ich kaum zu Halten vor Freude. Ich jubelte ins Telefon und hätte die ganze Welt umarmen können. Die Ehre IST groß, die Freude aber hat mich umgehauen und:   ich WAR überrascht!

Ich habe vor einem Jahr noch nicht gewusst, wer Gustav Regler war, erst als ich meinen Text DIE HEIMKEHR (des Veteranen Herakles) einreichte, stolperte ich über den Namen und begann in sein „Ohr des Malchus“ hineinzuhorchen. Und prompt war ich mir nicht mehr sicher, ob das überhaupt angemessen war, auf einen Preis in solchem Namen zu hoffen. Denn ein Förderpreis, der nach einem Schriftsteller Journalisten und Widerstandskämpfer benannt ist, Staatsfeind Nr. 19 im dritten Reich! Der zahllose Kriege, Kämpfe und Gefangenschaft überlebt hat, den ich mit jeder Seite der Lektüre seiner Biographie mehr bewunderte, lässt den Gedanken aufkommen: „der Preis ist ein paar Nummern zu groß! „ – naja, das ist aber vielleicht auch ok, der Saarländische Rundfunk verleiht ja hier nicht ein Paar Schuhe. [Es ist ein Förderpreis man darf, man soll ja noch wachsen].

Ich las also weiter und weiter und bin – neben Ehre und Förderung auch wahnsinnig dankbar, in das Leben Gustav Reglers hineingeblättert zu haben, aus der Ferne der ruhigen bequemen heutigen Zeit. Ich möchte mich hier auch bei Annemay Regler-Repplinger bedanken, die mich durch ihre Stadt geführt hat, mir ihre Schatzkammer, das Regler Archiv gezeigt hat und so viel von ihrem Onkel erzählt hat. Das muss ein wunderbarer Mensch gewesen sein!

einer, der trotz der verstörenden Erlebnisse im ersten Weltkrieg, immer wieder für seine Ideale gekämpft hat, mit mindestens so viel Gerechtigkeitssinn, wie jener Herakles, aber vielleicht mit ein bisschen mehr Verstand. Und oft aus Verzweiflung über die Umstände in denen er sich befand. Vielleicht ein etwas blöd, dass ich Ihnen hier in Merzig was über Regler erzähle, das wissen Sie ja. Aber es bedeutet mit viel. Gerade weil ich oft das Gefühl habe, nicht auf der Höhe meiner zeit zu sein. Ich taste mich nur langsam voran. In den letzten Jahren waren es oft die Themen“ Krieg“ und wie man daraus heimkehrt. Ich kann ihnen noch nicht einmal sagen, warum das mein Thema ist. Es begann mit einer großen Liebe zur Odyssee, den Geschichten vom Ringen um Heimkehr, der bewegten See, den phantastischen Orten, den Ungeheuern und Zauberinnen – und auf einen Schlag ist die Erkenntnis da: Kriegsheimkehrer gibt’s heute auch. Sie laufen Amok, verkriechen sich vor der Welt oder begehen Selbstmord. Ich bin nicht davon betroffen, ich wähle den Umweg über die Literatur, die ich über alles liebe, die Werke Kleists, auch einer der als fast noch ein Kind in den Krieg ziehen musste. Er mit 15. Regler mit 17.

Mich hat selten etwas so sehr berührt, wie Reglers Schilderungen aus dem ersten Weltkrieg, den er in den Schützengräben der Westfront verbrachte, aus ihnen emporschnellte, wie ein besessener Klassenbester, der jeden Kamikazeverdächtigen Sonderauftrag annimmt, raus in die Finsternis prescht und im Blindflug Heldentaten begeht. Helden sind mir erst einmal unheimlich, Skepsis ist angebracht. Aber Es berührte mich, wie Regler beschrieb, aus welchen Gründen er so heldenhaft war in einem so sinnlosen Krieg: Wahnsinnstaten im Ausnahmezustand, aus einer inneren Not heraus, nicht unterzugehen. Stärker als die Angst vor dem Tod ist die Angst vor dem Untergang in der Angst. Verloren zu gehen, den Verstand zu verlieren, zitternd im Kriegswahnsinn zu zerbrechen. Die wahnwitzige Flucht nach vorne, dahinstolpernd zwischen den Fronten und vor allem die völlig uneitle und bescheidene Richtigstellung: dieser ganz unheldenhaften Absichtlichkeit, beeindruckte mich sehr.

Auch er kam 1918 trotzallem nicht unversehrt aus dem Krieg. Bei Wikipedia heißt es „Verwundet und gasvergiftet“, aber in seinem Lebensgeschichten-Roman [„Ohr des Malchus“] klingt es, als hätte er sich komplett verloren. Sich selbst aus den Augen und das Sehen gleich mit. Blind, trotz Sehvermögens, als würden sich die Augen – genug ist genug – weigern, noch mehr zu sehen.

Das Auftauchen aus dieser im wahrsten Sinne des Wortes geistige Umnachtung, ist nicht weniger Heldentat. Suche nach Sinn, nach Aufgaben in den Wirrnissen, die Bereitschaft dafür zu kämpfen … – also, je mehr ich las, desto beschämter und jungfräulicher fühlte ich mich.

Er schien überall gewesen zu sein und oft an Orten die ich auch kannte. z.B. im Englischen Garten in München, meiner Heimatstadt – dahin machten wir früher unsere Schulausflüge, keine Exkursion in Sachen Geschichte, sondern Ausfluge ins Grüne. da bin ich mit meiner Klasse hinter dem Lateinlehrer her getrabt, habe Caprisonne getrunken am Monopteros, dem kleinen griechischen Rundtempel auf dem Hügel. Auch so ein Elfenbeinturm.

Hier wäre Regler beinahe liquidiert worden, abgeführt mit anderen zufällig verhafteten während der Unruhen, nach dem Sturz der Räterepublik. Die hatten wir („Caprisonnenzeit“) auch durchgenommen. Sehr unüberschaubar das alles damals, Dank Reglers Buch habe ich mehr begriffen.

Ich staune über seine Bereitwilligkeit, in aller Unübersichtlichkeit der politischen Umstände sich doch hineinzustürzen mitten ins Geschehen, im Glauben, dass es sich lohnt für etwas zu kämpfen, oder zumindest gegen etwas.

Ich habe meine Arbeit lange Zeit als zu unpolitisch empfunden, ich hatte mir nie ein klare Meinung zugetraut, oder, „etwas zu sagen zu haben“. Und woraus hätte ich schöpfen können? Über was also schreiben?! Über Liebe, ja okay, das ist auch nicht uninteressant, Kinder. Kunst. Ich kaute an meinem Stift, der immer schreiben will, bzw. biss mir an meinem Notebook die Zähne aus. und fühlte mich in einen Elfenbeinturm verbannt. Dass mein erster Roman, der 2005 erschien sich dann ausgerechnet mit dem Judentum und dem Nahostkonflikt auseinandersetzte, war für mich der kühne Durchbruch. Die Erkenntnis, das das Baden in Fettnäpfechen etwas befreiendes haben kann, und dass das, was man nicht selbst erlebt hat, im Prozess der Spurensuche und dem Ringen um Durchblick dennoch sehr persönlich sein kann. Das sind die Motive meiner Arbeit: die Welt untersuchen in ihren kleinen alltäglichen Winkeln, die Bezüge finden, welche die großen Belange der Welt für mich haben k ö n n t e n . es ist ein bisschen Leben im Konjunktiv, aber ich versuche ihn zu verankern mit dem Mikrokosmos, in dem ich mich besser auskenne. – Und schaue so, aus dem Elfenbeinturm (die Sicht ist ja nicht schlecht von da oben) über den Tellerrand. – Und staune die Menschen an, die die wirklichen Schlachten kämpfen! Die Herakliden und Reglers.

Irgendwann, werde ich das auch tun. Wenn ich ein so seismographisches Empfinden entwickelt haben werde, das mir anzeigt, wo es von Nöten ist, wo es hilft. Mein Text DIE HEIMKEHR entstand aus diesem Dringenden Bedürfnis heraus, das aber momentan noch nicht mehr als ein Gedankenexperiment sein kann, so sehr es mich auch beschäftigt. (Ich steh also hier mit diesem Preis also schon ein bisschen da wie die Jungfrau, die zu einem Kind gekommen ist– und nie wirklich was getan hat. – Ja der vergleich zwischen unbefleckter Empfängnis und einem Förderpreis des Saarländischen Rundfunks hinkt ebenfalls, noch mehr als der mit den Schuhen.

Einstweilen suche ich nach den alten Geschichten, die immer auch bedeuten, dass man die aktuelle Welt besser begreift – so lange man nicht selbst in ihr steckt, im Kugelhagel, zwischen den Attentaten, und gar keine Wahl hat, als zu begreifen.

Die Welt ist so randvoll mit Geschichte, Geschichten, die noch erzählt werden müssen. Geschichten, die immer wieder erzählt werden können, Die Schichten, die da übereinanderliegen, die Götterwelt der Antike, Die Fernsehserien meiner Kindheit, die Märchen der noch früheren Kindheit, das alte Testament, das neue, die großen Sagen der heutigen Welt, die Odysseen, die heute ins Weltall führen, die Kriege in die Sterne verlegen. Die hohe Literatur und die Blockbuster, ich denke das hat alles Platz. Und irgendwann werde ich – auch Dank ihres Förderpreises aufstehen und selbst gucken gehen, was in dieser Welt WIRKLICH passiert.

Ich danke der Stadt Merzig dafür, dass es überhaupt einen solchen Preis gibt, und vor allem natürlich dem Saarländischen Rundfunk, der Jury, und besonders Dr. Ralph Schock, ich habe mich sehr gefreut über die Gespräche am Telefon und Ihre Begeisterung für den Namensgeber dieses Preises.

DANKE!

 

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Rede des Intendant des SR, Prof. Thomas Kleist

Sehr geehrter Herr Minister, Ulrich Commerçon,

sehr geehrter Herr Bürgermeister, Marcus Hoffeld,

sehr geehrte Preisträgerin,

Amphitryon, Alkmene und Zeus; ihr Sohn Herakles. Der Stoff ist alt und dennoch zeitlos. Allein in unserem Kulturkreis wurde er mindestens 50 Mal neu aufgeschrieben und interpretiert. Jedes Mal etwas anders, jedes Mal mit einer Deutung im Spiegel der jeweiligen Epoche. Ein Mal auch von Heinrich von Kleist, der allerdings darauf verzichtete, alles, was seine Vorgänger nacherzählt oder dazuerfunden hatten, nochmals zu wiederholen.

Und just dieser Text hat Miriam Sachs inspiriert für ihr Werk „Heimkehr“. So wie Heinrich von Kleist sie offenbar häufig inspiriert, schließlich steht er Pate für verschiedene ihrer Texte. Nun ist es kein Geheimnis, dass Heinrich von Kleist auch einer meiner bevorzugten Autoren ist. Nomen est omen. Eines kann ich Ihnen aber versichern: Dies war nicht der Grund, warum die Wahl der Jury für den diesjährigen Gustav-Regler-Förderpreis auf Miriam Sachs gefallen ist.

Die Jury schreibt in ihrer Begründung, dass sie Miriam Sachs’ Text deshalb ausgesucht hat, weil darin „die Erfahrungen des Krieges anhand einer Adaption der antiken Mythen auf überraschende Weise neu gedeutet werden.“

Dem stimme ich zu und füge an, dass Miriam Sachs den uralten Stoff durch ihre Schreibweise in die Aktualität transferiert hat. Wenn bei Miriam Sachs Amphitryon heimkehrt, dann geht es um die Qualen von Kriegsveteranen, die sich nicht mehr zurechtfinden, nicht wieder einfinden in der ehemals gewohnten Normalität.

Sachs nennt selbst als Referenz Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ und setzt damit den Krieg zwischen Theben und den Thapiern gleich mit den kriegerischen Auseinandersetzungen der Neuzeit. So essen die mythischen Helden dann auch mal „Brötchen oder Croissants“ oder „lassen das Bad neu fließen“. Mit diesen einfachen zeitgenössischen Vokabeln und Redewendungen holt Sachs die antiken Figuren in die Gegenwart, nimmt sie von dem Podest der Heldenverehrung, macht sie uns vertraut und verständlich.

Es geht in dem Text also um die Traumatisierung, die Bestialisierung des Menschen durch den Krieg. Dabei erzählt Sachs die Geschichte nicht einfach nur nach. Es sind innere Monologe der Figuren unterbrochen von Kommentaren und gerafften Nacherzählungen der Verfasserin – eine Art Collage in szenischer Form, die gleichzeitig eine Interpretation mitliefern will. Das eigentliche Geschehen, die Geschichte von Alkmene und Amphitryon, wird nicht klar, sie ist mehr als Subtext vorhanden.

Sachs fügt aber auch ihre eigene Deutung hinzu; wie eine Psychoanalytikerin erklärt sie Verhaltensweisen ihrer Helden. So ist selbst der Sohn Amphitryons, Herakles, der sagenhaft starke Halbgott, letztlich auch Opfer der Traumata seines Vaters und wird auf Grund seiner Erfahrungen in der Kindheit zum Gewalttäter, der am Ende „zur Therapie oder zum Delphischen Orakel“ gehen muss.

Sachs entzaubert den Mythos durch psychologisierende Analyse und ironische Wendungen und macht ihn zusätzlich mit zeitgenössischer Sprache begreifbar als Blaupause zur Entschlüsselung heutiger Zusammenhänge. Auch wenn sie das, was sie hineinschreibt, bereits in der Vorlage von Kleist erkannt haben will, so ist es doch ihre eigene Leistung, diese Interpretation in eine zeitgemäße, verständliche und vor allem literarische Form zu gießen und uns quasi als Fortschreibung des alten Mythos zu liefern. Und so wirkt es wie eine Warnung an ihre Leser, wenn Amphitryon an Herakles schreibt: „Wenn Du eine Frau findest, die du liebst, heirate sie, halte dich fern von den Kämpfen anderer Leute und lebe dein Leben.“

Herakles folgt dem Rat des Vaters nicht, nicht etwa, weil er für eine gute Sache kämpfen will, sondern einfach so, weil er in die Schlacht ziehen will. Die verheerenden Folgen sind bekannt und man ist versucht, der Devise Amphitryons, wie Sachs sie ihm in den Mund legt, lauthals zuzustimmen: „Kein Blut für’s Vieh!“ So ist es Miriam Sachs gelungen, den griechischen Mythos umzuschreiben zu einem modernen Anti-Kriegs-Drama – oder hat sie vielleicht nur seine wahre Bedeutung freigelegt?

In jedem Fall hat sie mit ihrer Lesart den alten Stoff in die Jetzt-Zeit geholt. Wir, der SR, wir sind uns sicher, mit Miriam Sachs eine preiswürdige Nachwuchsautorin auszeichnen zu können. Als öffentlich-rechtlicher Sender gehört es auch zu unserem Auftrag, das Kulturgut unserer Zivilgesellschaft lebendig zu halten, zu erklären und Zusammenhänge unserer eigenen historischen Prägung aufzudecken. Zeitgenössische Literatur von noch weniger bekannten Autoren in den Focus der Öffentlichkeit zu rücken ist ein Teil davon.

Das tun wir im Fernsehen beispielsweise unter anderem in unseren Kultursendungen wie dem Kulturspiegel oder auch bei der „Bücherlese“ auf SR 2 Kulturradio und in voller Länge in „Fortsetzung folgt“. Oder eben – wie heute – mit der Liveübertragung dieser Preisverleihung auf AntenneSaar und der zeitversetzten Ausstrahlung auf SR 2.

Der Gustav-Regler-Förderpreis ist nicht die einzige Auszeichnung, die der SR – meist gemeinsam mit Partnern – vergibt. Vom Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis über den PRIMEURS-Autorenpreis bis zum Mundartpreis reicht die Bandbreite der Auszeichnungen, mit denen wir SchriftstellerInnen fördern und hervorheben, um nur einmal die Preis-Stiftungen im Bereich Literatur zu nennen. Wir verstehen es als unsere Aufgabe, nicht nur über Kultur zu berichten, sondern auch Kulturschaffende zu unterstützen und so als Faktor in der saarländischen Kulturlandschaft zu wirken. Das Bundesverfassungsgericht hat es einmal treffend formuliert: Wir, der öffentlich-rechtliche Rundfunk, sind Medium und Faktor unserer Gesellschaft.

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Preisträgerin, Miriam Sachs, die es so wunderbar versteht, mit ihrem Text „Heimkehr“ Kulturvermittlung und Neudeutung in künstlerischer Form miteinander zu verbinden, reiht sich ein in eine in der Zwischenzeit beachtlich angewachsene Liste herausragender literarischer Werke. Hierzu meinen herzlichen Glückwunsch!

 

 

Thomas Kleist, Intendant des Saarländischen Rundfunks

 

 

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